Aufarbeitung der Hoxha-Diktatur in Albanien

Die Verbrechen des albanischen Geheimdienstes Sigurimi werden nur zögernd aufgearbeitet. Zu groß ist der Einfluss der alten Elite, die ihre Pfründe sichern will. Aber ein Anfang ist gemacht.

Bunker in Tirana, der Hauptstadt Albaniens.
Bunker in Tirana. 2012. Foto: Andreas Lehner / flickr.com / CC BY 2.0

Albanien ist bis heute ein unbekanntes Land. Es hatte lange zum »Ostblock« gehört, bis es sich außenpolitisch erst nach China wandte und sich schließlich von allen äußeren Einflüssen abschottete. Obwohl es sich nach der epochalen Wende von 1989/91 wieder öffnete, verbindet man mit dem kleinen Balkanstaat vor allem Karl Mays »Durch das Land der Skipetaren« und »Der Schut«; außerdem fallen einem Begriffe wie »Mafia« und »Kriminalität« ein.

In einer Beziehung ist Albanien aber ganz wie die DDR und wie die anderen »realsozialistischen« Länder Mittel- und Osteuropas gewesen: Seit Errichtung der sozialistischen Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg und ihrem Zusammenbruch führte der Geheimdienst der herrschenden Partei ein Schreckensregiment. Was in der DDR das Ministerium für Staatssicherheit (»Stasi«), in Polen Służba Bezpieczeństwa und in Rumänien die Securitate war, hieß in Albanien »Sigurimi«.

Und wie in anderen postsozialistischen Ländern versucht man auch in Albanien, die totalitäre Vergangenheit irgendwie zu bewältigen. Es dauerte allerdings bis 2015, dass das Parlament beschloss, die Akten des Sigurimi zur Veröffentlichung freizugeben und damit zu beginnen, Opfer politischer Verfolgung zu entschädigen. Dieser Prozess kommt allerdings nur schleppend in Gang, was nicht verwundern kann, schließlich sind die alten Eliten der Hoxha-Diktatur immer noch oder schon wieder an den Schalthebeln der Macht.

Ein Beispiel für diese Kontinuität ist Gramoz Ruci, der der letzte Innenminister der Diktatur war und jetzt einfacher Abgeordneter im Parlament ist. Er möchte gerne Parlamentspräsident werden. Gezim Peshkepia, der Lehrer war und in der Diktatur wegen des Besitzes verbotener Bücher jahrelang im Gefängnis saß, zieht einen für Deutsche verständlichen Vergleich: »Kann man sich vorstellen, dass Mielke im Parlament Vorsitzender einer parlamentarischen Gruppe werden würde? Bei uns passiert das.«

Angesichts der Macht der alten Eliten haben die Menschen weiterhin angst. Gentiana Sula, die Chefin der neu geschaffenen Behörde zur Aufklärung über die Arbeit des Sigurimi, kennt dieses Problem und freut sich daher auch über kleine Schritte: »Wenn jetzt Interessenten bei uns die Akten einsehen wollen und sie ohne Angst anfordern, dann ist das ein Erfolg. Oder wenn jemand, wie neulich ein Schriftsteller, der hier war, erfährt, dass sein Vater absolut nichts Schlimmes getan hat und er jetzt auf ihn stolz sein kann. Und andererseits der Staatsanwalt weniger froh sein dürfte und zumindest mal über eine Entschuldigung nachdenken sollte, dann sehe ich, dass es hier Veränderungen gibt. Dass die Opfer und ihre Familien gestärkt werden.«

Vielleicht besteht ein Problem für die Aufarbeitung des Unrechts in Albanien darin, dass das Land so klein ist. Bei heute gerade einmal zwei Millionen Einwohnern war jeder Dritte irgendwie Opfer der Diktatur – man kennt sich. Man schätzt, dass zehntausend Menschen ohne Prozess getötet wurden. Nebil Cika vom Opferverband »Antikommunistische Assoziation der politisch Verfolgten« erklärt: »In den 1950er Jahren wurden Politiker, Geschäftsleute, Journalisten, Schriftsteller, Lehrer, Ingenieure umgebracht. Die Auslöschung der Elite war ein ungeheures Verbrechen.«

Immerhin bringt man sich nicht mehr in Todesgefahr, wenn man sich für die Aufarbeitung der Verbrechen stark macht. »Mich warnten viele Leute, dass das riskant sei«, berichtet Sula. »Ich sah die Angst in ihren Gesichtern.«

Und so befindet sich Albanien auf einem langen und mühevollen Prozess der Aufarbeitung, bei dem das Wichtigste zu sein scheint, dass er überhaupt beschritten worden ist. Man orientiert sich dabei an Deutschland, ist sich aber der Unterschiede sehr bewusst. Die Gründung der Stasi-Unterlagenbehörde wäre vermutlich nicht so reibungslos vonstatten gegangen, wenn es nicht zwei Teilstaaten gegeben hätte, in denen eine ganz andere politische Dynamik herrschte als in einem Land wie Albanien, das mit seiner Vergangenheit alleine klarkommen muss.

Albanien war ein armes, abgeschottetes Land. Landschaftsprägend sind die vielen kleinen Bunker, die der paranoide Hoxha hat bauen lassen, weil er sich vor einer Invasion fürchtete. Dafür interessieren sich die wenigen Touristen natürlich mehr als für eine Gedenkstätte, die gerade im Süden des Landes, in Tepelena entsteht. Mit ihr will man dem Erinenrungsverlust, der auch junge Albaner bereits befallen hat, entgegenwirken. Jonila Godole vom Institut für Demokratie, Medien und Kultur sagt: »Ein bisschen Ahnung über die Diktatur haben nur die Kinder, die aus Familien kommen, in denen der Opa im Gefängnis war, der Uropa exekutiert wurde.« Das soll sich ändern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.