Gut Neuendorf soll verkauft werden

Dem Käufer des Gutes Neuendorf bei Fürstenwalde sollen keine Auflagen gemacht werden. Der Verein Kulturscheune Neuendorf im Sande fürchtet nun, dass die Erinnerung an die Hachschara-Schule verlorengeht.

Landarbeit in Betzenrod / Hachschara
Landarbeit als Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina in Betzenrod bei Fulda. Zwanziger Jahre. Foto: Wikimdedia Commons / CC 0

In der Nähe von Fürstenwalde in Brandenburg, östlich von Berlin, befindet sich das Landgut Neuendorf. Es ist ein Gebäudekomplex aus verschiedenen Epochen, zu dem ein Schloss, Wohngebäude, Garagen und Ställe gehören. Das Ensemble gehört dem Bund, der es über seine Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verkaufen möchte und dafür mindestens 290.000 Euro haben möchte.

Wie so oft, hat auch dieses unscheinbare Ensemble eine unbekannte Geschichte: 1919 kaufte der jüdische Geschäftsmann Hermann Müller das Landgut, auf dem 1932 eine Hachschara-Schule gegründet wurde, in der sich junge Juden mit einer landwirtschaftlichen Ausbildung für die Auswanderung nach Palästina vorbereiten konnten. Weitere Hachschara-Stätten existierten in Ahrensdorf, Steckelsdorf, Spreenhagen, Ahlem bei Hannover oder Gehringshof bei Fulda. Insgesamt gab es im Deutschen Reich 32 dieser Schulen, davon 13 in Brandenburg.

1941 wurde die Neuendorfer Schule geschlossen, denn die Nazis hatten Juden verboten, eine Berufsausbildung zu machen, und in ein Zwangsarbeiterlager umgewandelt. Fortan diente es als Sammelstelle für die Deportation von Juden nach Auschwitz und Theresienstadt. Auch der spätere Fernsehmoderator Hans Rosenthal, der den Krieg in Deutschland überlebte, musste hier Zwangsarbeit leisten.

Der Verein Kulturscheune Neuendorf im Sande e.V. kümmert sich seit drei Jahren um die Erinnerung an die Geschichte des Ortes, die nach dem Krieg vollkommen unbekannt war, und hat letztes Jahr dort eine Ausstellung eingerichtet. Im Verein fragt man sich nun, was mit der kleinen Gedenkstätte passiert, wenn der neue Eigentümer den Zugang sperrt. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hat in ihrer Ausschreibung zwar auf die Besonderheit des Ortes hingewiesen, will einem Käufer jedoch keine Auflagen machen.

Mit der Geschichte des Landwerks Neuendorf sind ungezählte persönliche Geschichten verbunden, die heute kaum noch rekonstruiert werden können. Von anderen Hachschara-Stätten wie dem recht gut erforschten Landwerk Ahrensdorf weiß man, von verschiedenen glückliche und tragisch geendeten Fluchtgeschichten. Peter Sauerbaum, der Intendant des Brandenburgischen Staatsorchesters, setzt sich für die Erinnerung daran ein. Er sagt: »Das ist eine wichtige Angelegenheit für uns Juden, und demzufolge muss, wie auch immer sich der Verkauf gestaltet, muss dies berücksichtigt werden. Etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen.«

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