Charlottesville: Der lange Schatten des Bürgerkriegs

In Charlottesville gibt es heftige Auseinandersetzungen um den Abriss eines Denkmals. Die Wunden, die der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert geschlagen hat, sind noch lange nicht verheilt.

Charlottesville Emancipation Park
Foto: Anthony Crider / flickr.com / CC BY 2.0

Die Aufregung um die Ereignisse in Charlottesville vom 11. und 12. August war zu recht groß: Im Verlauf einer rechtsextremistischen Demonstration am Freitag kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten, und am Samstag fuhr ein Attentäter mit seinem Pkw in eine Gegendemonstration, bei dem eine Frau zu Tode kam und mehrere Menschen verletzt wurden. Und dann stürzte auch noch ein Polizeihubschrauber ab, wobei die Insassen starben, und der Gouverneur rief den Notstand aus.

Die Szenen kommen aus einer eigentlich friedlichen Universitätsstadt in Virginia (USA), die 180 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Washington gelegen ist. Geprägt wird die Stadt von der Universität und von der Erinnerung an einen der Gründungsväter der USA, Thomas Jefferson, dessen Haus ganz in der Nähe lag und das heute ein Museum ist. Es war außerdem Jefferson, der die »University of Virginia« 1826 gegründet und einige ihrer Gebäude selbst entworfen hat.

Anlass für die Demonstration der Rechtsextremisten war die Entfernung einer Statue des Generals Robert E. Lee, der im Bürgerkrieg 1861-1865 auf der Seite der Konföderierten kämpfte. In dem Krieg ging es unter anderem um die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten; dem Präsidenten der USA, Abraham Lincoln, der selber Sklaven besaß, vor allem um den Erhalt der Union, also der Vereinigten Staaten von Amerika. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wurde ein moderner Krieg geführt, der auf beiden Seiten einen hohen Blutzoll forderte.

Viele Nicht-Amerikaner sind der Meinung, dass das amerikanische Trauma der Vietnam-Krieg ist. Eine verständliche Auffassung, denn dieser Krieg wird in der populären Kultur wohl am häufigsten dargestellt. Allerdings entspricht diese Wahrnehmung nicht der Wirklichkeit. Denn es ist nämlich eher der Bürgerkrieg, dessen Folgen noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein zu spüren waren. Dafür spricht, dass die ehemaligen Südstaaten nach wie vor agrarischer geprägt sind und ärmer als die Staaten des Nordens, die ihre industrielle Basis erhalten und ausbauen konnten. Und dafür spricht, dass in manchen Bundesstaaten etwa die Rassentrennung erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts offiziell aufgehoben wurde.

Um die zahlreichen Denkmäler, die auch noch Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg aufgestellt worden sind, tobt ein Kulturkampf. Es wird heiß über die Frage diskutiert, ob man sie abbaut, umstellt oder da belässt, wo sie sind. Immer wieder entscheiden sich die Gemeinden für den Abbau, wie auch nach einer langen, kontroversen Debatte in Charlottesville. Dort hat man auch schon den »Lee Park« in »Emancipation Park« umbenannt, um der Vergangenheit des Namensträgers – er kämpfte eindeutig für die falsche Sache, nämlich die Sklaverei – zu entkommen.

Vor diesem Hintergrund versammelten sich an besagtem Freitag hunderte Extremisten, die aus verschiedenen Teilen der USA angereist waren, zu ihrem Protestzug. Man kann sagen, dass hier echte Neonazis marschierten, Antisemiten, Rassisten und Fremdenfeinde. Einerseits sind sie eine Minderheit in den USA, und dass sie überhaupt in so – vergleichsweise – großer Zahl erschienen, sollte nicht über ihre wahre Stärke hinwegtäuschen. Allerdings bedeutet das nicht, dass sie vollkommen isoliert wären. Im Gegenteil: Es gibt eine verbreitete Stimmung in bestimmten Bevölkerungsschichten, die sich durch die Änderung öffentlichen Gedenkens, die im Abbau von Denkmälern zum Ausdruck kommt, zurückgesetzt und gedemütigt fühlen.

Der wichtigste Repräsentant dieser Stimmung ist der derzeitige amerikanische Präsident, Donald Trump. Er wird von der »Alt Right«-Bewegung bejubelt – zu recht, denn er hat einen ihrer Repräsentanten, Steven Bannon, zu seinem Chefstrategen gemacht. Und er hat sich zeit seines öffentlichen Wirkens, das bis in die siebziger Jahre zurückreicht, immer wieder mit rassistischen Provokationen hervorgetan. Schwarze wollte er nicht als Mieter haben, Obama hat er unterstellt, nicht in den USA geboren zu sein und dergleichen mehr. Auch zum Nazi-Aufmarsch in Charlottesville fand er keine passenden Worte, um es milde zu formulieren.

Dass Trump zum Präsidenten gewählt werden würde, hatten sich die meisten Beobachter nicht vorstellen können. Doch sie übersahen, dass Meinungsumfragen bei US-Präsidentenwahlen nur bedingt Aufschluss über das Ergebnis geben können, weil hier im Grunde 52 Einzelwahlen stattfinden, bei denen der Sieger alle Wahlmännerstimmen erhält. Und sie haben nicht wahrhaben wollen, wie tief die Kluft zwischen dem tonangebenden Establishment der kulturellen und wirtschaftlichen Zentren an den Küsten und dem Rest von Amerika ist, das in den Medien oft nicht angemessen repräsentiert wird.

Und nun machen die Auseinandersetzungen in Charlottesville, bei denen der tödliche Auto-Anschlag nur den Gipfel eines umfassenderen Konflikts darstellt, erschreckend deutlich, wie bedeutsam das öffentliche Gedenken an die Vergangenheit ist – und wie fragil. Es zeigt sich, dass es ein schwerer Eingriff in die Identität von Menschen sein kann, wenn man eine Statue aufstellt, was im Falle Lees vermutlich auch ein Ausweis rassistischer Gesinnung war, oder abreißt.

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