Der erste Schultag

Anlässlich des Schulbeginns fragte eine Lokalzeitung: Wie war Ihr erster Schultag? Die Erinnerungen reichen zurück bis ins Jahr 1944. Vieles war anders, anderes ist immer gleich geblieben.

Erster Schultag
Schulanfänger an der Volksschule Haynrode, 1940. Foto: Gerhard Haubold / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, und für die ganz Kleinen bedeutet das: Der erste Schultag naht, der Ernst des Lebens beginnt! Praktisch jeder in Mitteleuropa hat eine Erinnerung daran, jeder kann über diesen Tag etwas erzählen. Ist die Gesellschaft noch so fragmentiert, ist das Leben noch so bunt – an diesem Punkt haben alle etwas gemeinsam.

Der Volksfreund aus Trier hat seine Leser anlässlich des Schulbeginns in Rheinland-Pfalz gebeten, ihre Erinnerungen an den ersten Schultag einzusenden. Die Leser sind der Aufforderung gern gefolgt. Zum Teil klingen die Berichte wie von heute – Kinder ändern sich eben nicht. Zum Teil enthalten sie aber auch Details, die einen Staunen machen – man fragt sich nur, über was: die damalige oder die heutige Zeit.

Für Marita Lenz war ihre Einschulung 1969 eine Art Emanzipation – beim Friseur, zu dem sie ihre Mutter geschickt hatte. Da sie selbst entscheiden durfte, ließ sie sich die Haare so kurz schneiden wie die ihrer besten Freundin. Die Mutter war entsetzt, was die kleine Marita jedoch nicht weiter störte. »Mir aber gefiel meine neue Frisur, und ich trug die Haare noch eine ganze Weile so kurz.«

Wenige Jahre zuvor, 1965, musste auch Beate Niewel zur Einschulung. Für sie war der Tag nicht leicht, denn sie war zum ersten Mal von ihrer Mutter getrennt. »Es gab noch keinen Kindergarten«, erläutert sie. Was? Kein Kindergarten? Keine Ganztagskita mit Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung?

Schon die Berichte aus den sechziger Jahren klingen zum Teil unvertraut, doch geht man noch weiter zurück, wird es ganz fremd. Kurt Horsch etwa musste Kniestrümpfe anziehen und bekam »Schokolade, Ahoj Brause, Würfel, ein paar Bonbons, dazu ein paar Schulutensilien – ah, und ein Stück weiße Kreide« in die Schultüte. Ihm ist die Differenz zu heute sehr bewusst. Augenzwinkernd beginnt er: »Ich war begeistert, als ich den Inhalt musterte: ein iPhone, ein Tablet, einen Gutschein für McDonald’s…« Also nein, so war es eben nicht, im Jahr 1952.

Als Rosel-Bernarda Berens 1950 eingeschult wurde, war es nochmal anders: Ihre Großmutter strickte ihr ein Kleid und Tücher zum Abwischen ihrer Schreibtafel. Kindererziehung war Frauensache, weshalb nur Mütter bei der Einschulung dabei waren. Allerdings waren die Väter häufig auch gefallen, vermisst oder in Kriegsgefangenschaft. Doch auch wenn die Verhältnisse in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch kümmerlich waren, so ging es doch bescheiden bergauf: Rosel-Bernarda hatte immerhin eine Schultüte, was ihrer älteren Schwester nicht vergönnt gewesen war, weil die Mutter wichtigeres zu finanzieren hatte, wie sie dem maulenden Kind erklärte: »Deine Schiefertafel hat mich damals ein großes Stück Speck gekostet!« Armut war also der immerwährende Begleiter dieser Schulkinder, aber unglücklich waren sie nicht, wie Rosel-Bernada heute berichtet: »Wir fuhren dann mit der Straßenbahn in die Stadt, und im Fotoatelier Seiwert in der Glockenstraße wurde ich mit Schulranzen und Schultüte fotografiert. So ist mir dieser Tag doch noch in angenehmer Erinnerung geblieben.«

Roland Oly schließlich hatte das zweifelhafte Vergnügen, gleich zweimal eingeschult zu werden. Zum ersten Mal kam der große Tag im Jahr 1944. Seine Schule hieß bis 1937 »St. Matthias«, danach aber »Horst Wessel« und war ein Ort nationalsozialistischer Indoktrination. Ihm war die Aufnahmezeremonie unheimlich, weshalb er seiner Mutter erklärte, dass er nicht mehr dorthin gehen würden. Am selben Tag wurde die Schule kriegsbedingt geschlossen. Roland jubelte. Doch 1945 wurde er erneut eingeschult und kam gleich in die zweite Klasse.

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