Gedenkstättenarbeit vor einem Umbruch

Die Zeitzeugen sterben, und Zuwanderer haben wenig Bezug zur deutschen Geschichte. Wie soll zukünftig die Gedenkstättenarbeit aussehen? Für Thomas Krüger steht die politische Bildung vor einem epochalen Umbruch.

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger im bpb:medienzentrum Bonn
Thomas Krüger. Foto: bpb/Martin Scherag

Der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Thomas Krüger, hat dem Evangelischen Pressedienst ein interessantes Interview gegeben, in dem es um die Zukunft der Erinnerungspolitik in Deutschland im Angesicht des demografischen Wandels und der Zuwanderung geht. Krüger ist seit 2000 Präsident der BpB und hat die 1952 ins Leben gerufene Einrichtung seit seinem Amtsantritt gründlich modernisiert.

Im Interview erklärt Krüger, dass sich vor allem die Gedenkstätten zur Erinnerung an die beiden Diktaturen in Deutschland auf gänzlich neue Rahmenbedingungen einrichten müssen. Die Zahl der Zeitzeugen nehme ab, die Zahl der Zuwanderer ohne biografische Bezüge zur deutschen Geschichte steige hingegen an.

Es müssten daher zukünftig »unterschiedliche Perspektiven und Geschichten zugelassen werden«, damit sie ihre Funktion weiterhin erfüllen könnten. Beispielsweise hätten Zuwanderer aus Osteuropa häufig eigene Erfahrungen mit Diktaturen und totalitären Systemen gemacht, die sich von denen der Deutschen unterscheiden. Krügers Einschätzung zufolge können die Gedenkstätten nicht mehr nur »Geschichte aus einem bestimmten Blickwinkel« erzählen, sondern sie müssten »verschiedene Perspektiven« anbieten.

Seine Behörde gehe auf die neue Herausforderung für die Gedenkstättenarbeit durch gezielte Förderung von Modellprojekten ein, die spezielle Angebote für Migranten und Flüchtlinge machen. Dabei strebe er einen grundsätzlichen Wandel der pädagogischen Arbeit an. »Im Prinzip geht die Entwicklung dahin, dass man nicht gesonderte Programme für Migranten anbietet, sondern der Besuchende, egal mit welchem Background, mit seinen Fragen und Vorwissen im Vordergrund steht.«

Was Krüger über den gegenwärtig zu beobachtenden gesellschaftlichen Wandel sagt, ist plausibel. Mit der Einwanderung geht – weniger aufgrund der rückläufigen Zahl an Zeitzeugen, wie ich meine – ein Konsens verloren, der sich wie von selbst entwickelt, wenn die Gesellschaft homogen bleibt. Auch seiner Einschätzung, dass man Geschichte »nicht als Retroveranstaltung« ansehen solle, sondern sie immer wieder neu in und für die Gegenwart verarbeiten muss, ist richtig.

Doch ein paar Sätze Krügers werfen Fragen auf. »Was wir nicht gebrauchen können, ist eine staatlich verordnete Geschichtspolitik, die eine einzige Deutung für wahr erklärt«, sagt er. Heißt das, dass er es für legitim hält, die Existenz der Gaskammern in Auschwitz zu leugnen? Hat er sich von dem Grundkonsens verabschiedet, der beispielsweise in der westdeutschen Öffentlichkeit im »Historikerstreit« beschworen wurde? Dass er das vermutlich nicht will, zeigt eine Rede Krügers, in der er durchaus apodiktisch formuliert, was »in Zeiten der hybriden Identitäten« geschehen »muss«.

Ob Krüger seine Position schon endgültig ausformuliert hat oder nicht, ist aber gar nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass er das Grundproblem der Gedenkstättenarbeit benannt hat. Wichtig ist auch, dass er es anzugehen gewillt ist – und zwar, was positiv zu bemerken ist, streitbar und anregend. Denn auch Krüger und seine BpB sind Teil des politischen Aushandlungsprozesses um die Gegenwart der Vergangenheit, an der zu beteiligen alle aufgerufen sind.

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