Die »Vater-Tochter-Biographie« über Hans Filbinger

Beim Sortieren des Nachlasses ihres Vaters stieß Susanna Filbinger-Riggert auf seine bis dahin unbekannten Tagebücher. Sie machte ein Buch daraus – was in der Familie nicht von allen begrüßt wurde.

Hans Filbinger und Sisanna Filbinger-Riggert
Hans Filbinger, Susanna Filbinger-Riggert. Fotos: Albärt / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 (li.); Mike Christian / Campus-Verlag (re.) (jeweils Ausschnitte)

Der Vater war schon vor sechs Jahren gestorben, und nun sollte sein Nachlass aufbereitet werden. Beim Sammeln, Ordnen und Sortieren im großen, nicht mehr benutzten heimischen Büro des Vaters stieß die Tochter auf ein Konvolut von sechzig Ringbüchern mit Aufzeichnungen, die eindeutig von ihrem Vater verfasst worden waren: Tagebücher, die er zwischen 1940 und seinem Tod im Jahr 2007 geführt hatte – eine kleine Sensation.

Der Fund war nicht nur für die private Familiengeschichte der Tochter von Bedeutung, sondern auch von großem öffentlichen Interesse. Denn der Vater war niemand geringeres als Hans Filbinger gewesen, zwischen 1966 und 1978 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und durch den Schriftsteller Rolf Hochhuth als »furchtbarer Jurist« in der NS-Zeit bekannt geworden. Für die 1951 geborene Susanna Filbinger-Riggert war der Fund der Beginn einer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte.

Hans Filbinger war bis 1978 eigentlich ein angesehener Politiker, doch als Hochhuth ihn als »furchtbaren Juristen« schmähte und sich Filbinger vergeblich dagegen wehrte, war seine politische Karriere binnen Jahresfrist beendet und seine Leistungen wie vergessen. Zwar versuchte Filbinger bis zu seinem Tod, seine verlorengegangene Ehre wiederherzustellen. Doch das gelang ihm nicht wirklich, und als sein Nachfolger im Amt, Günther Oettinger, ihn in seiner Grabrede als »Gegner des NS-Regimes« bezeichnete, schüttelten selbst Wohlmeindende nur mit dem Kopf.

Während des Krieges und kurz danach, in britischer Kriegsgefangenschaft, war der studierte Jurist Filbinger an mindestens 234 Marinestrafverfahren beteiligt, in denen er in vier Fällen als Ankläger die Todesstrafe forderte oder als Richter die Todesstrafe verhängte. Das hatte er nach dem Krieg vergessen oder verdrängt, und als Hochhuth diese Fälle aus den Archiven hervorkramte, hatte er nicht die nötige Selbstdistanz, um sich angemessen mit ihnen auseinanderzusetzen. Sein Satz »Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein« war selbstverständlich falsch, und die Vermutung, er sei uneinsichtig, lag von daher auf der Hand.

Mit dem berühmten Vater hatte es die Tochter selbstverständlich nie leicht. Zum einen war er – wie wohl viele seiner Generation – in der Erziehung seiner fünf Kinder sehr streng. Zum zweiten war – was ebenfalls wohl kein Einzelfall war – die ganze Familie in die politische Arbeit ihres Oberhauptes eingespannt. Kein Wunder, dass Susanna nicht immer brav blieb und irgendwann auch das Weite suchte. Sie war allein wegen des Namens eine Gefangene ihres Vaters. Trotzdem hadert sie nicht mit ihm; durch die Lektüre seiner Tagebücher ist sie ihm nach seinem Tod nähergekommen. Bei allen Schwierigkeiten, die sie vor allem in ihrer Jugend mit ihm hatte, sagt sie heute: »Ich hege keinen Groll gegen ihn.«

Schwieriger als mit dem Vater war es wohl mit zweien ihrer Geschwister, als bekannt wurde, dass sie ein Buch über ihren Vater veröffentlichen wollte, das auf den Tagebüchern beruht. Susanna hatte jahrelang daran gearbeitet, ohne ihren Geschwistern davon zu erzählen – Bruder Matthias war erkennbar verletzt, als er davon erfuhr. »Meine Schwester hat die Tagebücher ohne unser Wissen aus dem Erbe, das uns allen gehört, entwendet. Sie macht Geschäfte mit etwas, das sie nicht korrekt erworben hat.« Er beschritt den Rechtsweg, woraufhin die Veröffentlichung vorübergehend gestoppt und das Manuskript noch einmal überarbeitet wurde.

Dennoch ist 2013 das Buch »Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biographie« erschienen und hat große Aufmerksamkeit erhalten, die bis heute anhält. Filbinger-Riggert liest daraus vor allem im Rheinland, wo sie wohnt, und in Baden-Württemberg. Es wäre zu wünschen, dass der Konflikt mit den Geschwistern inzwischen beigelegt ist.

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