Erinnerung an das »Zigeunerlager« in Lety

Nach langer Diskussion wird im tschechischen Lety eine Schweinemastanlage abgerissen. Hier befand sich 1942/42 ein »Zigeunerlager«, in dem Roma durch Arbeit vernichtet werden sollten.

Gedenktafeln auf dem Friedhof in Mirovice für die in Lety ermordeten Roma-Kinder. Foto: Miraceti / Wikimedia Commons / CC 0

Nach über zwanzigjährigen Diskussionen und Verhandlungen verkauft die Aktiengesellschaft AGPI Písek eine Schweinemastanlage mit 13 Hallen für jeweils 1.000 Tiere im tschechischen Lety. Der Käufer ist der tschechische Staat; über den Kaufpreis wurde Stillschweigen verinbart. Der Besitzer hatte sich lange geweigert zu verkaufen, aber jetzt hat er den Weg freigemacht, damit an dem Ort eine Gedenkstätte eingerichtet werden kann.

An dem Standort, 100 Kilometer südlich von Prag gelegen, befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein so genanntes Zigeunerlager, in dem Roma unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert und zur Arbeit gezwungen worden waren. Die Bedingungen waren so grausam, dass das Lager in Lety als Stätte der Vernichtung durch Arbeit angesehen wird. Das heißt, dass das Lager Bestandteil des Porajmos war, des Vorhabens des Genozids an dem Roma.

Das Lager befand sich auf dem Gebiet des »Protektorats Böhmen und Mähren« und wurde von tschechischem Personal betrieben, war aber von der deutschen Besatzungsmacht eingerichtet worden. Insgesamt 1.300 Roma waren hier zwischen August 1942 und Mai 1943 interniert, 327 von ihnen starben. Wie neue Gräberfunde vermuten lassen, war die Zahl der Opfer aber noch höher. Wer überlebte, wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Nach dem Krieg geriet in Vergessenheit, was sich in dem Lager abgespielt hatte. In den siebziger Jahren wurde auf dem Gelände mitten im Wald die Schweinemastanlage errichtet. Erst nach der Wende von 1989 fand man heraus, welche Bedeutung der Ort während des Krieges hatte. Als ersten Schritt des Gedenkens veranlasste der damalige Präsident Vaclav Havel, dass dort ein Gedenkstein errichtet wird. 2010 entstand eine kleine Gedenkstätte. Von dem Lager selbst existieren keine Überreste mehr.

Obwohl so abgelegen, hat die Gedenkstätte zehn- bis zwölftausend Besucher im Jahr zu verzeichnen. Sie und Angehörige und Nachkommen der Opfer störten sich daran, dass gleichsam über den Gräbern der Opfer des Terrors Schweine gezüchtet werden. 2014 sagte Kulturminster Daniel Herman bei einer Gedenkveranstaltung: »Wenn sich an dem Ort, wo mein Großvater in Mauthausen ermordet worden ist, heute Schweine suhlen würden, würde ich das auch als sehr ungutes Signal auffassen. Wir wollen diese Sache ernsthaft angehen. Die einstige Begräbnisstätte ist sehr würdig hergerichtet worden, aber das frühere Lager selbst wartet noch auf einen pietätvollen Rahmen.«

Die Entscheidung der Regierung, die Anlage zu kaufen und eine Gedenkstätte einzurichten, ist nicht unumstritten. Nicht nur die Roma selbst haben in der Regel kein Interesse daran, weil sie entweder erst nach dem Krieg nach Tschechien gekommen sind oder kein Bewusstsein für die Geschichte haben. Aber auch viele Tschechen stehen ihr ablehnend gegenüber, denn unter ihnen ist latenter Antiziganismus weit verbreitet, und außerdem würde eine Erinnerungsstätte auch ihre eigene Mittäterschaft beim Betrieb des Lagers thematisieren.

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