Gedächtnisverlust: Der alte und der neue Max

Nach einem Sturz verliert Max Rinneberg sein Gedächtnis. Er erinnert sich nicht mehr an seine Eltern, hat andere Interessen. Er akzeptierte sein Schicksal und begann ein neues Leben.

Marathon
Foto: cocoparisienne / pixabay.com / CC 0

Max Rinneberg war siebzehn, als sich sein Leben für immer veränderte. Denn auf der Treppe zur Kirche in seiner Heimatstadt Kleinostheim strauchelte und stürzte er und blieb für ein paar Minuten bewusstlos am Boden liegen. Zum Glück hatte er sich kaum verletzt, zumindest äußerlich. Das große Problem war jedoch das später von den Ärzten diagnostizierte Schädel-Hirn-Trauma, das ihm die Erinnerung raubte. Sie war einfach weg, und nun musste er ein neues Leben beginnen.

Bis zum Sturz war Rinneberg ein begeisterter Langstreckenläufer gewesen, der sogar am Marathon in Frankfurt am Main teilnehmen wollte. Er hatte die Mittlere Reife gemacht und eine Lehre zum Steuerfachangestellten begonnen, weil er gut mit Zahlen umgehen konnte. Nach dem Sturz war das dann anders: Zwar war er körperlich in der Lage, spontan einen Halbmarathon zu laufen – aber das langweilte ihn ebenso wie seine Arbeit im Steuerfach. Englisch hatte er ebenfalls vergessen und musste es neu erlernen. Und seine Familie und seine Freunde musste er erst wieder kennenlernen.

Es blieb Rinneberg nichts anderes übrig, als ein neues Leben zu beginnen, weil das alte fort war. Selbstverständlich bemühten sich die Ärzte, ihm zu helfen, zum Beispiel mit Psychotherapie und Hypnose. Doch die »retrograde dissoziative Amnesie« blieb, und die Depression kam. »Ich suchte nach meiner Identität und merkte doch nur, dass ich ein anderer geworden war. Gleichzeitig spürte ich den Wunsch meiner Umgebung, dass ich wieder der alte Max würde.« Als alles nichts half, entschloss sich Rinneberg, sich quasi neu zu erfinden.

Heute, neun Jahre nach dem Unfall, hat Rinneberg sein Leben komplett geändert. Er wechselte den Beruf und schulte zum Sommelier um, also zum Fachmann für Wein. Jetzt arbeitet er als Barmann in einem Hotel in den Dolomiten. Er reist viel und genießt sein neues Leben. Außerdem hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. »Ohne Wurzeln zu leben, ist einerseits furchtbar«, sagt er. »Aber es macht auch frei. Ich tue nichts, nur weil ich es immer getan habe. Ich tue die Dinge, weil ich sie hier und jetzt tun will.«

Auch Rinnebergs Mutter hat beschlossen, ihr Schicksal anzunehmen. Nachdem sie und ihr Mann zuerst versuchten, ihrem Sohn zurück in sein altes Leben zu helfen, musste sie irgendwann einsehen, dass das nicht möglich war. Er war zwar immer noch ihr Sohn, aber er war zugleich auch ein anderer Mensch geworden, der ganz neue Interessen und Ansichten hat. Seine Mutter habe nun, erzählt Rinneberg, »zwei Söhne. Der erste ist verstorben, aber jetzt hat sie mich, den neuen Max.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.