Handschrift stimuliert den Geist

Schüler schreiben immer seltener per Hand. Das ist ein fataler Trend, weil Schreiben das Denken fördert. Experten empfehlen daher, dass Schüler die eigene Handschrift wieder verstärkt üben.

Handschrift Brief
Foto: Sybil Liberty / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)

Wer schreibt heute noch Briefe? Kaum jemand. Und das ist allzu verständlich. Schließlich gibt es Möglichkeiten der Kommunikation, die viel bequemer und schneller und unmittelbarer sind: Man greift zum Telefonhörer, inzwischen auch unterwegs, oder man tippt eine E-Mail, die in Echtzeit beim Empfänger ist. Der Trend hat natürlich auch die Schulen ergriffen und die Schüler. Sie schreiben kaum noch mit der Hand – mit fatalen Folgen.

Maria-Anna Schulze Brünung und Stephan Clauss machen in ihrem neuen Buch »Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen« auf den bislang unterschätzten Zusammenhang von Handschrift und Denken aufmerksam. Theoretisch und mit eigenen praktischen Erfahrungen aus dem Schulalltag unterfüttert, mahnen sie: Eine schlechte Handschrift von Schülern ist ein Alarmsignal.

Immer häufiger können Schüler heute nicht mehr schön und leserlich schreiben, haben sie festgestellt. »Der allmähliche Verfall der Handschrift ist ein für die Gesellschaft insgesamt folgenreiches Problem, weil es das Lernen in unseren Schulen massiv beeinträchtigt«, heißt es in dem Buch. »Nicht-Betroffene denken oft, es gehe nur um mangelnde Schönschrift, es handle sich vornehmlich um ein ästhetisches Manko. Nein! Es geht um ein fehlendes Fundament des Lernens.«

Die beiden Autoren haben festgestellt, dass schlechte Leistungen häufig auch auf geringe Schreibkompetenzen zurückzuführen ist, und zwar unabhängig von sozialem Status oder Intelligenz. Eine schlechte Handschrift kann auch aus normal begabten Schülern Schulversager machen. Aus eigener Erfahrung wissen sie, dass die Betroffenen das selber merken: Sobald man ihnen zeigt, wie man gut schreibt, erwacht in den Kindern wieder der Ehrgeiz zu lernen.

Vor diesem Hintergrund warnen Schulze Brünung und Clauss vor bildungspolitischen Experimenten. Sie halten es für falsch, das Schreibenlernen in der Schule gering zu achten und lieber auf das Eintippen von Buchstaben, Wörtern und Sätzen am Computer zu setzen. Denn sie wissen inzwischen, dass der Computer zwar die Arbeit erleichtert – aber dass seine Benutzung für die Schüler fatale Nebenwirkungen hat, die die Grundlagen nicht beherrschen, also das eigenhändige gute Schreiben.

Wissenschaftliche Untersuchungen geben Schulze Brünung und Clauss recht. Eine Studie, die Virginia Berninger erstellt hat, hat gezeigt, dass eigenhändiges Schreiben die Denkleistung des Schreibenden erhöht, das Tippen am Computer jedoch nicht. Berninger sagt: »Handschrift stimuliert den Geist und kann den Kindern helfen, sich besser auf Schriftsprache zu fokussieren. Lernen wird einfacher.«

Niemand schreibt heute mehr Briefe, die Post befördert heute vor allem Rechnungen, Werbung und andere Geschäftsunterlagen. Einerseits steigert das natürlich den Wert jedes handgeschriebenen Briefs, den man erhält. Andererseits ist dieser Trend vermutlich unumkehrbar. Das heißt aber nicht, dass man nicht wenigstens versuchen sollte, Kinder diesem Trend ungeschützt ausgeliefert sein zu lassen. Sicherlich, gefordert sind vor allem die Lehrer, die allerdings erst Problembewusstsein entwickeln müssen. In der Zwischenzeit kann aber jeder damit beginnen, die eigene Handschrift wiederzuentdecken und zu kultivieren.

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