In Tschechien erinnert man sich an die Deutschen

In Tschechien erinnert man sich immer häufiger der nach dem Krieg vertriebenen Deutschen. Deutsche und Tschechen, Junge und Alte, wollen die Vergangenheit in die Gegenwart holen, um die Zukunft zu gestalten.

Kirche von Zvonková (Glöckelberg)
Die wiederaufgebaute Kirche von Zvonková (Glöckelberg). Foto: Vuxi / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 (Ausschnitt)

Als im Mai 1945 auch in der Tschechoslowakei der Krieg zu Ende war, wurden die Deutschen aus dem wiedergegründeten Staat vertrieben. Sie hatten zwar seit Jahrhunderten die Randgebiete Böhmens und Mährens bewohnt, an den Grenzen zu Deutschland und Österreich. Doch das war den neuen Machthabern gleich. Sie hatten schon lange von einem ethnisch reinen Nationalstaat geträumt, und nun war die historisch einmalige Chance da, ihn zu verwirklichen.

Die Deutschen wurden vertrieben – doch nicht alle, sondern eine kleine Minderheit durfte bleiben. Sie waren gleichsam die Hüter der Asche der vernichteten deutschen Kultur in dem, was »Sudetenland« genannt wurde, und von ihnen handelt die »Weltspiegel«-Reportage »Heimat mit Hindernissen. Die deutsche Minderheit in Tschechien« des Mitteldeutschen Rundfunks, die am Wochenende gesendet wurde.

In dieser Reportage kommen Deutsche und Tschechen zu Wort, die die Erinnerung an die Deutschen in Tschechien (und den Ländern der Böhmischen Krone) erhalten und wiederbeleben wollen. Sie sind Deutsche, die nach dem Krieg geblieben sind, oder junge Tschechen, die fast zufällig auf die in der Zeit des Kommunimsus unterdrückte Tradition stoßen und nun gewahr werden, was sie verloren haben.

Die Reportage lässt sie alle zu Wort kommen, und bei niemandem ist Groll zu spüren. Alle wissen, dass man die Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann, sondern dass jeder vor der Aufgabe steht, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden und die Zukunft zu gestalten. Deshalb hat der eine eine Ausstellung über die Deutschen im Egerland erstellt, der andere hat Geld für den Wiederaufbau einer Kirche gesammelt, wiederum ein anderer organisiert ein Kulturfestival.

Seit dem Fall des Kommunismus haben viele Menschen die wiedergewonnene Freiheit genutzt, sich die Geschichte ihres Landes anzueignen und die durch die Diktatur verbreiteten Lügen hinter sich zu lassen. So organisierte der gebürtige Brünner Jaroslav Ostrčilík (34) vor ein paar Jahren einen Gedenkmarsch in Erinnerung an den Brünner Todesmarsch von 1945, aus dem inzwischen ein Festival entstanden ist. Er sagt: »Wenn damals kaum wer ein Bild gehabt hat von dem, was vor 72 Jahren passiert ist – heute ist das genau umgekehrt. So gut wie jeder Brünner, der ein bisschen was im Kopf hat, hat jetzt plötzlich eine ganz konkrete Vorstellung davon. Und nicht nur dass die Leute wissen, was passiert ist, sondern dass sie durchaus auch bedauern und reflektieren und sich damit auseinandersetzen.«

Tschechen und Deutsche, alte wie junge, haben in den letzten Jahren zueinander gefunden, weil ihnen wichtig ist, die Vergangenheit einerseits auf sich beruhen zu lassen, andererseits sie zu vergegenwärtigen. Sie haben ganz unterschiedliche Erlebnisse gemacht, gehören verschiedenen Generationen an und sind unterschiedlich betroffen. Doch sie eint der Wunsch, die bei allen, mit Ostrčilík gesprochen, reflektierten Menschen allseits als schmerzhaft empfundene Wunde zu heilen.

Die dreißigminütige Reportage ist noch bis zum 4. August 2018 in der ARD-Mediathek abrufbar.

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