Gedenken an die dritte Flandernschlacht

In Ypern fand eine große Gedenkveranstaltung zum Beginn der dritten Flandernschlacht vor hundert Jahren statt. In Deutschland erinnert man sich – anders als in Großbritannien – kaum noch an dieses Ereignis.

Foto: ActiveSteve / flickr.com / CC BY-ND 2.0

Die Nachricht ging durch die meisten deutschen Medien, doch irgendwie verpuffte sie sofort wieder. Denn sie handelte von einem Ereignis, dessen in Deutschland kaum mehr gedacht wird – anders als in anderen Ländern, die daran beteiligt waren: vom Beginn der dritten Flandernschlacht am 31. Juli 1917, in der die Alliierten mit einer Offensive versuchten, den Stellungskrieg im Westen zu beenden und die Deutschen zurückzudrängen.

Zu diesem Anlass fand kürzlich eine Gedenkveranstaltung im belgischen Ypern statt, an der unter anderem Prinz Charles mit Sohn William, dessen Frau Kate sowie der britischen Premierministerin Teresa May und 4.000 weitere Besucher teilnahmen. Auch der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel war dort und hielt eine Ansprache. Allein die Teilnahme so vieler hochrangiger Vertreter Großbritanniens, auch Belgiens natürlich, an dieser Zeremonie zeigt, wie unterschiedlich die Gewichtung des Ereignisses bei den damaligen Kriegsgegnern Deutschlands heute noch ist.

In der Schlacht verloren hunderttausende Soldaten auf beiden Seiten ihr Leben – und zwar »sinnlos«, weil ihr Ziel nicht erreicht wurde. Der Stellungskrieg dauerte weiter an. Wie viele Männer ihr Leben lassen mussten, ist nicht bekannt, zumindest weichen die Angaben voneinander ab; noch heute gibt die Erde immer wieder Überreste der Beteiligten frei.

Schon sehr bald nach dem Ende des Krieges setzte die Mythenbildung ein. 1919 sagte der spätere britische Premierminister Winston Churchill über das restlos zerstörte Ypern: »Es gibt für Briten keinen heiligeren Ort in der Welt.« Noch 1975 machte Chris de Burgh die Schlacht zum Thema eines seiner Songs, desgleichen 2003 die Band Iron Maiden und die Band Sabaton. »In Flanders Fields« von John McCrae von 1915 über die zweite Flandernschlacht ist heute noch eines der populärsten Gedichte in Großbritannien. »In Flanders fields the poppies blow«, lautet seine erste Zeile, und seitdem ist die Mohnblume zum Zeichen des Gedenkens an die Kriegsopfer geworden, und der Remembrance Day wird »Poppy Day« genannt.

In Deutschland entwickelte sich keine derartig lebhafte öffentliche Erinnerung. Ernst Jünger verarbeitete seine Erlebnisse in der Flandernschlacht zwar in seinem Roman »In Stahlgewittern«. Wichtiger wurde jedoch der Langemarck-Mythos, der sich auf den verheerenden Einsatz von schlecht ausgebildeten und schlecht ausgerüsteten Rekruten und Freiwilligen in der ersten Flandernschlacht 1914 bezog. Das Lied »In Flandern reitet der Tod« wurde in der Jugendbewegung populär.

Bezugnehmend auf die britische Erinnerungskultur wies Gabriel auf die deutsche Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg hin: »Das ist in Deutschland lange anders gewesen. Bei uns Deutschen ist die Erinnerung an den ersten totalen Krieg schon bald von den Erfahrungen in einem noch brutaleren Zweiten Weltkrieg überschattet worden, mit dem Nazi-Deutschland Europa überzog, der vor nichts mehr Halt machte, Städte, Dörfer und die Zivilbevölkerung der europäischen Völker zum Angriffsziel machte, und am Ende das eigene Land in eine Trümmerwüste verwandelt und unseren Kontinent buchstäblich an den Rand des Untergangs gebracht hatte.«

Gabriel hat damit den Unterschied der beiden Gedenkkulturen erklärt. Zwischen dem Ersten Weltkrieg und heute lagen für die Deutschen so viele gravierende Ereignisse, dass für die Erinnerung an die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts kein Platz mehr bleibt: Erst musste die Niederlage verarbeitet werden, dann kam die Inflation, schließlich Hitler, die Diktatur, der nächste Krieg und die nächste Niederlage, Flucht und Vertreibung und die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah. Interessanterweise sieht es so aus, als begebe man sich in der öffentlichen Auseinandersetzung gegenwärtig aber nicht chronologisch rückwärts, sondern als überspringe man den Ersten Weltkrieg und begebe sich in die Zeit des Kolonialismus und Imperialismus.

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