Jana Hensel erlebt den Wandel Berlins

Berlin ist einem rasanten, gewaltigen Wandel unterworfen. Für die Schriftstellerin Jana Hensel ist das eine schwierige, aber inspirierende Umgebung. Ihr neuer Roman heißt »Keinland«.

Alexanderplatz
Foto: Bryn Jones / flickr.com / CC BY-ND 2.0

»Ich habe mir eine Ost-Berliner Zuflucht gesucht, aber die verschwindet langsam und unsichtbar«, sagt die Schriftstellerin und Journalistin Jana Hensel, die 2002 mit dem Roman »Zonenkinder« bekannt wurde. Sie ist 1999 nach Berlin gekommen, wo sie schließlich im Stadtteil Prenzlauer Berg gelandet ist – jenem Stadtteil, der bis zum Mauerfall im Osten lag und in dem die »Gentrifizierung«, also die Aufwertung des Wohnungsbestandes und die Verdrängung der finanzschwachen angestammten Bevölkerung, inzwischen voll zugeschlagen hat.

Aus Leipzig kam Hensel nach Berlin, weil sie sich verloren fühlte und neuen Halt suchte. Doch den vermisst sie im Berlin des Jahres 2017 sehr: Der Wandel vollzieht sich schnell und erbarmungslos. »Das ist hier schon lange keine normale Gentrifizierung mehr«, sagt sie. »Wir befinden uns inmitten eines internationalen Spekulationsgeschäfts.« In »ihrer« Straße ziehen Menschen ein und alsbald wieder aus, man weiß kaum noch, ob die Wohnungen, in denen Lichter brenen, bewohnt sind, oder ob dort nur noch der Schemen eines Menschen sitzt, der bereit ist, wieder zu gehen, wenn es nur die Arbeit erfordert.

Der Kampf gegen die aktuelle Entwicklung in Berlin, die erst über den Prenzlauer Berg hinweggerollt ist, nun aber auch andere Stadtteile ergriffen hat, erscheint aussichtslos. Man braucht erst gar nicht damit anfangen. Auch Hensel ist von diesem Gefühl der Ausweglosigkeit erfasst. Und geradezu systematisch entzieht sie sich darüber hinaus dem Leben, das um sie herum auf den Straßen pulsiert und ebenfalls nicht kämpfen will, in die Einsamkeit – was durchaus eine Notwendigkeit ist, denn als Geschichtenerzählerin benötigt sie eine gewisse Distanz.

Gerne geht Hensel auf den Alexanderplatz, jenen eigenartigen Ort im Herzen der Hauptstadt. Für Ostdeutsche war er lange Jahre ein Sehnsuchtsort, weil hier ein Hauch von Freiheit wehte: Er war offen, zugig, und auf dem Fernsehturm nahebei konnte man gut in den Westen blicken. Heute hat der Alexanderplatz durch Neubauten an Gestalt gewonnen, ist verkleinert worden und sieht inzwischen nicht mehr wie eine riesige Betonwüste, sondern wie ein richtiger, großer, an den Seiten begrenzter Platz aus. Aber er ist immer noch der Ort in Berlin, an dem alles zusammenkommt, was die Stadt an Menschen zu bieten hat: »normale« Berliner, Touristen, Penner, Künstler, Kriminelle, Punker, Jugendliche und andere mehr.

Der Alexanderplatz erscheint wie ein Bollwerk gegen den Wandel in Berlin. Aber auch er wandelt sich, nur sind die Veränderungen kleiner und dauern länger. Berlin hat schon an anderen Orten gezeigt, dass vermeintlich unabänderliche Gewissheiten sehr wohl zu ändern sind. Jana Hensel fühlt sich trotz alledem offenkundig wohl – und ihrer schriftstellerischen Arbeit ist Berlin offensichtlich auch förderlich. Derzeit erscheint ihr neuer Roman »Keinland«, der jenseits der Liebesgeschichte zwischen Nadja und Martin nach Information des Verlags von »Schuld, Erinnerung, Herkunft und Grenzen« handelt.

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