Harald Schmidt schreibt keine Autobiografie

Der »Conférencier« Harald Schmidt hat beruflich alles schon erlebt, sagt er. Eine Autobiografie will er dennoch nicht schreiben. Er findet dieses Genre »das Ödeste, was es gibt.«

Foto: Kandschwar / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 (Ausschnitt)

Eine zeitlang gehörte es für mich zu den Ritualen am Abend, die Harald-Schmidt-Show zu sehen und dann zu Bett zu gehen. Was Schmidt da zumeist fabrizierte, war ganz nach meinem Geschmack: Es war abgeklärt, auch zynisch, boshaft, anspielungsreich, witzig und dennoch immer auch moralisch. Schmidt hatte vor so gut wie nichts Respekt, hatte aber zugleich die Größe, Gegenschläge zu akzeptieren. Sein Erfolgsrezept war, alles durch den Kakao zu ziehen – auch sich selbst.

Allerdings kannte Schmidt immer auch Grenzen. Zum Beispiel machte er sich nie über den Islam lustig, weil ihm, wie er jetzt wieder in einem Interview bekannte, »früh klar war, dass Satire etwas für eine gewisse westliche Klientel ist, und dass es sinnlos ist, da zu missionieren.« Er bekennt: »Ich lasse mir auch sofort Feigheit vorwerfen, aber ich meine, ich bin Conférencier und kein Heldendarsteller.« Auch seine Familie hielt er aus seinem Beruf heraus; was er von sich preisgab, war kaum mehr, als jedermann hätte von sich preisgeben können. Nur witziger erzählt.

Nach außen mag es erscheinen, als sei Schmidt ein eiskalter Zyniker. Doch das war er nur zu einem Teil, denn im Grunde seines Herzens ist er ein konservativer Moralist, einer, der an der Verworfenheit der Welt nicht verzweifelt, aber der sie zumindest für zu mächtig hält, als dass er sich selber dagegen anzukämpfen imstande sehen würde. Also beschränkt er sich aufs Spotten. Und darin hat Schmidt die Rolle seines Lebens gefunden. Zum Kämpfer nicht geeignet, als Schauspieler – seinem erlernten Beruf – nicht gut genug, um gegen die Konkurrenz zu bestehen, hat er als »Conférencier« die perfekte Rolle gefunden.

Seine Hochzeit hat Schmidt, der im August 60 Jahre alt wird, schon lange hinter sich gelassen (wobei es natürlich auch möglich ist, dass lediglich ich mich anderen Themen und Formen der Unterhaltung zugewendet habe). Schmidt soll beim »Spiegel« eine Videokolumne haben und geht immer wieder auf Lesereisen. Und zwischendurch gibt er hier und dort Interwievs, in denen er um seine Meinung zu diesem und jenem gefragt wird. Im aktuellen Fall, da er anlässlich eines Auftritts in Bad Vöslau vom österreichischen Wochenmagazin »Profil« befragt wird, geht es um den Aktienmarkt, das Rasieren oder um Tendenzen in der österreichischen Theaterlandschaft.

Schmidt hat alles gesagt und erlebt – sagt zumindest Schmidt. »Wozu noch auftreten? Ich war in jeder Stadt, in jedem Hotel. Ich kenne jeden Wurschtsalat. Dem Nachwuchs eine Chance!« Der Journalist kann das kaum glauben und fragt, ob er nun daran denke, seine Autobiografie zu schreiben. Schmidt reagiert entsetzt. »Um Gottes willen! Meine Autobiografie liegt elektronisch vor. Ich behaupte, meine 2000 Shows sind meine Autobiografie. Da habe ich unglaublich viel verheizt. Autobiografien sind das Ödeste, was es gibt. In keiner Autobiografie steht, um was es wirklich geht. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Ich habe noch nie Memoiren gelesen, die wirklich interessant gewesen wären.«

Die Antwort nehme ich Schmidt ab. Er ist viel zu sehr Praktiker, als dass er sich auf das Projekt des Schreibens einer Autobiografie einlassen würde. Und er ist auch – nach dem Eindruck, den man anhand der Informationen, die er von sich preisgibt, bekommen kann – nicht, wie man umgangssprachlich sagt, der Typ dafür. Schmidt bewegt sich eher in der Sphäre des Bonmots, des flüchtigen Klatsches, der bunten Blätter, die die Skandale und Skandälchen von Prominenten und solchen, die es werden wollen, ausschlachten. Selbstreflexion gehört für ihn in den persönlichen Bereich, den er nicht der Öffentlichkeit kundtun möchte, und große Leistungen, die berichtenswert sind, sind nicht – bei allem Respekt – vorhanden.

Schmidt ist keiner von den Prominenten, bei denen man mehr über ihr Leben erfahren möchte, als man schon weiß. Bei vielen möchte man wissen, wie sie wurden, was sie sind. Wo ist er/sie aufgewachsen und welche Ereignisse und Situationen haben ihn/sie geprägt? An welchen Wegmarken wurden welche Entscheidungen getroffen? Das möchte man von Gloria von Thurn und Taxis erfahren, von Emmanuel Macron oder von George Clooney (die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und sprengt jede Genregrenze). Allerdings … Ich wäre allerdings nicht verwundert, wenn nicht doch noch einmal etwas von Schmidt käme, das einer Autobiografie zumindest ähnlich ist. Dann würde sie mich auch interessieren.

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