Das verlorene Gedächtnis von Lemberg

Seit der Ermordung der Juden durch die Nazis und der Vertreibung der Polen durch die Sowjets hat Lemberg kein Gedächtnis mehr. Das macht die Orientierung in gegenwärtigen Konflikten schwierig.

Lemberg Lviv Lwow
Foto: Juanedc / flickr.com / CC BY 2.0

Vom ukrainischen Lemberg sagt man unter Globetrottern, dass die Stadt »angesagt«, »in« oder »hip« sei. In Lemberg habe alles zu bieten, was Prag, Krakau und Budapest auch zu bieten hätten – nur preiswerter, urtümlicher und noch nicht von Touristenmassen überlaufen. Gerühmt wird die herrliche Altstadt, das quirlige Leben daselbst, das gute Essen und das aufregende Nachtleben. Und dass der Krieg im Osten des Landes weit weg sei. Daher könne man, sagen die Reiseexperten, die Stadt als »das bessere Prag« bezeichnen.

So unbeschwert, wie die Stadt angepriesen wird, ist ihre Geschichte allerdings nicht. Bis ins zwanzigste Jahrhundert lebten hier Ukrainer, Polen und Juden, aber auch Deutsche und Armenier. Und sie hat viel Krieg und Gewalt erlebt: Lange war Lemberg Teil des Königreichs Polen, sollte aber nach dem Ersten Weltkrieg an Russland fallen und wurde vom wiedergegründeten Polen erobert. Im Zweiten Weltkrieg fielen die Deutschen ein und löschten das jüdische Leben aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieb Stalin die Polen im Zuge der »Westverschiebung« unter anderem nach Breslau, aus dem wiederum die Deutschen vertrieben wurden. Zehntausende Lemberger wurde nach Sibirien deportiert. Heute ist Lwów (Polnisch) beziehungsweise Lviv (Ukrainisch) insofern nur noch eine Kulisse: Die Mit den Ermordeten Juden und den vertriebenen Polen hat sie gleichsam ihr Gedächtnis verloren.

Die verlorengeganene Geschichte muss daher mühsam rekonstruiert werden, was der Historiker Lutz Klevemann jüngst versucht hat. Er schreibt: Lemberg »verlor 90 Prozent der Bevölkerung und verlor damit auch ihre kulturelle Identität und verlor ihr Gedächtnis. So dass eigentlich aus dieser Blütezeit nur noch die Gebäude stehen und die Einwohner der Stadt so gar nicht richtig dazu passen.« Heute, da der ukrainische Staat um seine Souveränität ringt, ist die Erinnerung an die Vergangenheit ein Minenfeld. Denn an welchen Aspekt will man erinnern? Welches Gedenken hochhalten? »In Lemberg gibt es drei kollektive Gedächtnisse, die wenig miteinander gemein haben. Aufgrund oft gegensätzlicher Erfahrungen erinnern sich Polen, Ukrainer und Juden sehr unterschiedlich an die Stadt.«

Erschwert wird die Suche nach der Geschichte dadurch, dass es auch in Lemberg kein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß gibt. Lediglich die Juden waren immer Opfer. Aber sowohl Polen als auch Ukrainer waren mal Opfer, mal schlugen sie sich auf die Seite der Täter. Das Beispiel des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera zeigt diese Ambivalenz: 1941 begrüßte er den Einmarsch der Deutschen und kollaborierte mit ihnen, weil sie die Ukrainer vom Joch der Sowjetunion befreiten. Und ausgerechnet dieser Bandera wird nun in eine Reihe gestellt mit großen ukrainischen Schriftstellern wie Taras Schewtschenko und Iwan Franko.

Lemberg ist zwar eine mitteleuropäische Stadt, doch von Deutschland aus gesehen liegt sie weit entfernt – geografisch wie emotional. Das ist nicht verwunderlich, denn die Stadt gehört speziell mit dem östlichen Polen und seinem Zentrum Krakau zu einem Kulturraum, vielleicht vergleichbar mit dem von Trier-Luxemburg. Insofern finden dort die relevanten kulturellen und politischen Debatten statt – was wiederum für Deutsche ein Anreiz sein könnte, sich wieder dafür zu interessieren. Lemberg ist also in der Tat eine Reise wert, wobei man natürlich einen größeren inneren Gewinn davonträgt, wenn man sich nicht mit den oberflächlichen Reizen zufriedengibt, sondern auch einen Blick in die Geschichte wirft und die gegenwärtigen Probleme zu verstehen versucht.

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