Die vier Phasen der Erforschung nationalsozialistischen Unrechts

Nach über 60 Jahren der Forschung über den Nationalsozialismus stehen konkret die am Unrecht Beteiligten im Zentrum des Interesses. Das eröffnet Familienforschern neue Möglichkeiten zum Verständnis der Eltern- und Großelterngeneration.

Foto: Arkiv i Nordland / flickr.com / CC 0

Die Erforschung nationalsozialischer Verbrechen hat seit ihrem Beginn 1945 vier Phasen durchlaufen, die sich teilweise überlappen (vgl. die Broschüre »Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie?«, Neuengammer Studienhefte, Band 1, herausgegeben von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme). Für Familienforscher ist das eine erfreuliche Entwicklung, weil durch den jüngsten Perspektivwechsel die Möglichkeiten, etwas über ihre Eltern und Großeltern zu erfahren, deutlich gestiegen sind. Es ist nun überhaupt erst möglich, eine Ahnung von der Lebenswelt der Vorfahren zu erhalten und von ihren Schwierigkeiten, sich darin zurechtzufinden.

In der ersten Phase, direkt nach dem Krieg, erhielt das NS-Unrecht ein Gesicht durch die Angeklagten vor dem Nürnberger Tribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher und durch die Aufdeckung der Taten der verschiedenen Organisationen des NS-Staates. Dadurch blieben allerdings die Verbrechen von Wehrmacht und Ordnungspolizei in den besetzten Gebieten unbeachtet und vielen Deutschen die Möglichkeit gegeben, ihre eigene Rolle klein- und schönzureden. Während die Haupttäter kriminalisiert und pathologisiert wurden, berief man sich auf einen »Befehlsnotstand» und argumentierte, man habe allenfalls Beihilfe zu den Verbrechen geleistet. Das wurde von den Gerichten weitgehend akzeptiert – auch bei denen, die eigentlich an verantwortlicher Stelle an dem Unrecht aktiv mitgewirkt hatten. „Durch diese Abspaltung und Ausgrenzung der Täterschaft gelang es der deutschen Gesellschaft, die nationalsozialistische Vergangenheit in eine Sphäre des Verbrechens und in eine der Normalität aufzuteilen.«

In der zweiten Phase wurden die Täter als ganz normale Menschen beschrieben, so wie der Kommandant des KZ Auschwitz Rudolf Höß oder der »Schreibtischtäter« Adolf Eichmann. In dieser Betrachtungsweise blieben Taten wie Täter gleichwohl abstrakt – und die Vernichtung der europäischen Juden ebenso. Lieber diskutierten die Gelehrten über die Frage, ob der Holocaust von der Führung geplant worden war oder ob sich der Plan im Verlauf der Radikalisierung des Regimes erst herausbildete und eine nicht mehr kontrollierbare Eigendynamik erhielt. Über die eigentlichen Täter wurde weniger in Deutschland als im Ausland und eher außerhalb der Universitäten – von Fachfremden wie zum Beispiel Filmemachern – geforscht. Sie nahmen zumeist ganze Berufsgruppen wie Ärzte oder Juristen in den Blick.

Einen Durchbruch brachten Publikationen wie »Täter, Opfer, Zuschauer« von Raul Hilberg, »Ganz normale Männer« von Christopher Browning und »Hitlers willige Vollstrecker« von Daniel Goldhagen sowie die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht«. Bedeutsam waren sie, weil sie die Strukturen und die in diesen Strukturen handelnden Personen mit ihren ganz individuellen Motiven und Entscheidungen miteinander verknüpften. Die Debatte über Goldhagens These bewirkte bei einem breiten Publikum eine Blickveränderung, indem nämlich nun verstärkt die Individuen in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Das Ergebnis: »Die Beschreibung der Täter als pathologische Mörder oder Schreibtischtäter wurde abgelöst durch die Darstellung der Täter als autonom Handelnde mit eigenem Handlungsspielraum des Mitmachens oder Verweigerns.«

Mitte der neunziger Jahre rückten dann auch die konkret Ausführenden der Verbrechen stärker in den Fokus der Wissenschaft: die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, von Behörden in Deutschland oder in Konzentrationslagern, überhaupt die Funktionseliten. »Zunehmend erweiterte sich der Blick auf den Täterkreis im zweiten und dritten Glied der Vernichtungshierarchie.« Dadurch ergab sich zwar ein immer uneinheitlicheres und deshalb unbefriedigendes Bild, aber umgekehrt wurde dadurch die Vielfalt der Beteiligung an den NS-Verbrechen deutlich. Man fragte auch nach den Angehörigen der Wehrmacht, der Zivilverwaltungen, Unternehmen und nicht zuletzt nach Kollaborateuren in den besetzten Gebieten. Mit welchen Motiven beteiligten sie sich? Was waren die Bedingungen, unter denen sie sich dafür entschieden und unter denen sie arbeiteten? Wer profitiert von dem Unrecht?

Diese Fragen zu stellen, hat positive Folgen für die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte: »Mit dieser Differenzierung der Forschung wird der Kinder- und Enkelgeneration teilweise erst jetzt bewusst, in welchem familiären Erbe sie verankert ist.« Ein ähnlicher Erkennisprozess setzte auch bei den Nachfahren der Opfer ein, vor allem bei denen, deren Schicksal – wie bei Roma oder Zwangsarbeitern – noch nicht ausreichend untersucht worden ist. Zusammenfassend kann man sagen: »Die NS-Verbrechen sind aus der Sphäre unpersönlicher Strukturen in die der handelnden Menschen geholt und im 20. Jahrhundert verortet worden. Die Fragen nach innerer Anteilnahme, nach Motivationen und nach den subjektiven Sinndimensionen stehen im Zentrum des gegenwärtigen Forschungsinteresses.«

Foto: Arkiv i Nordland / flickr.com / CC 0

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