Zwei Brüche im Gedenken an Auschwitz

Wenn die Generation der Zeugen des Holocausts verschwindet, wird die Erinnerung abstrakt, meint Navid Kermani. Zudem leben immer mehr Menschen in Deutschland, die aus anderen Ländern stammen und keinen Bezug zur deutschen Geschichte mehr haben.

Navid Kermani. 2015. Foto: Lesekreis / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0

Navid Kermani zufolge steht die deutsche Erinnerung an den Holocaust gegenwärtig vor einem zweifachen Umbruch: Zum ersten gibt es immer weniger Zeitzeugen, die über ihre Erfahrungen berichten können, weshalb das Gedenken weniger konkret wird. Zum zweiten wandelt sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland: Sie wird durch die Immigration vergangener Jahrzehnte, die weiterhin anhält, vielfältiger und bunter.

Der Autor selbst kann von diesen Umbrüchen aus eigener Erfahrung berichten. Er selbst ist 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren worden und musste sich die deutsche Geschichte anders aneignen als ein Kind, dessen Familie seit Alters her in Deutschland lebt. Bei einem Besuch in Auschwitz wurde ihm die Besonderheit wieder mal deutlich: Es war ein deutsches Konzentrationslager, und das Schild »deutsch« – für eine Führung in deutscher Sprache – markierte ihn als Deutschen. »Ja, ich gehörte dazu, nicht durch die Herkunft, durch blonde Haare, arisches Blut oder so einen Mist, sondern schlicht durch die Sprache, damit die Kultur.«

Weil die Zeitzeugen fehlen, verändert sich die Erinnerungskultur, die nun verstärkt auf Zeichen angewiesen ist, weil die Erfahrungsberichte fehlen. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin kann den Schrecken der Vernichtung nicht annähernd so plastisch vermitteln wie der Bericht eines Überlebenden. Man kann den Verlust der Unmittelbarkeit nur schlecht durch Bildungsarbeit ersetzen; das gilt genauso für die innere Distanz, die Immigranten oder deren Kinder empfinden, die erst in Deutschland mit deutscher Geschichte konfrontiert wurden.

Die Problematik des Deutschseins und des Lebens in Deutschland hat unter anderem der Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki in einem Interview zum Ausdruck gebracht. Er sagte: »Machen Sie keinen Deutschen aus mir. Ich bin ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Selbstverständlich und gern. Mir gefällt dieser Staat, trotz allem. Ich schreibe in deutscher Sprache, ich bin ein deutscher Literaturkritiker, ich gehöre zur deutschen Literatur und Kultur, aber ich bin kein Deutscher und werde es nie werden.« Und er lobte den Mann, wegen dessen Ehrlichkeit, der ihm wohl nicht freundlich gemeint ins Gesicht gesagt hatte: »Sie, Herr Reich-Ranicki, waren im Warschauer Ghetto, und ich war damals Hitlers Jagdflieger. Daran werden wir bis ans Ende unserer Tage denken, und das wird uns immer trennen.«

Deutsch oder Deutscher sein wird in jedem Fall nicht leichter werden. Viele Immigranten und ihre Nachkommen wollen es auch nicht sein. Man darf mit Kermani vermuten, dass sie »ihr Fremd- und Anderssein als etwas Schönes und Selbstverständliches sehen, aber genauso selbstverständlich und gern Bürger der Bundesrepublik sind. Sie schreiben in deutscher Sprache, sind vielleicht sogar Träger deutscher Kultur. Aber weder waren ihre Vorfahren im Warschauer Ghetto noch waren sie Hitlers Jagdflieger.«

Foto: Lesekreis / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0

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