Mein Wikipedia-Artikel über die Deutsche Technische Hochschule Prag

Recherchen zu meinem Großvater brachten mich auf die Deutsche Technische Hochschule Prag, die bei Wikipedia nur unzureichend behandelt wurde. Deshalb habe ich dort einen eigenen Artikel geschrieben.

Vor kurzem bin ich auf die Idee gekommen, die studentische Vergangenheit meines Großvaters mütterlicherseits zu erforschen. Ich weiß nicht mehr genau, warum, ich weiß nur noch, dass eine meiner Tanten eine Bemerkung fallen gelassen hatte, dass er in Prag studiert hätte. Eigentlich war das klar gewesen, schließlich wusste ich, dass er bis kurz nach dem Krieg in Mähren – also der heutigen Tschechischen Republik – gelebt und Bauingenieurwesen studiert hatte. Mir war das nur nicht bewusst gewesen. Mein Großvater war dazu gekommen, weil er seit seiner Jugend unterschenkelamputiert war und daher in der Landwirtschaft seiner Eltern nicht eingesetzt werden konnte.

Da ich noch nie Recherchen in einem Land mit einer so schweren Sprache wie dem Tschechischen angestellt hatte, konstete es mich eine gewisse Überwindung, eine E-Mail zu schreiben. Doch irgendwann fasste ich mir ein Herz und schrieb an das Archiv der Prager Universität, und zwar auf Deutsch und auf Englisch. Und die Antwort kam prompt, war überraschenderweise auf Deutsch, fiel aber leider negativ aus: Über meinen Großvater gab es keine Aufzeichnungen.

Doch die Dame vom Archiv gab mir einen wichtigen Hinweis: Bauingenieurwesen wurde zwar nicht an der alten, ehrwürdigen Universität, die im Mittelalter gegründet worden war, dafür aber an der Deutschen Technischen Hochschule Prag gelehrt, und vielleicht, so die Vermutung, habe er dort studiert. Im Archiv der Tschechischen Technischen Hochschule in Prag könnten vielleicht Unterlagen über meinen Großvater erhalten sein. Eine E-Mail-Adresse wurde mir auch gleich angegeben. Deutsche Technische Hochschule (DTH) und Tschechische Technische Hochschule (TTH)? Das klang interessant.

Ich schrieb daher sogleich eine E-Mail, in der ich mein Anliegen vortrug – und erhielt wiederum alsbald Antwort in deutscher Sprache. Und dieses Mal war sie positiv! Ich erhielt sieben Scans mit Einträgen, die sich auf meinen Großvater bezogen, darunter das Protokoll der ersten Staatsprüfung der Abteilung für Ingenieurbauwesen an der Deutschen Technischen Hochschule Prag von 1928. Nebenbei bemerkt: Er hat sie »stimmeneinhellig mit Auszeichnung« bestanden.

Damit erschlossen sich mir und meiner Familie eine ganz neue Dimension der Erinnerung an den Großvater. Doch die Frage, was es mit »seiner« Hochschule auf sich hatte, ließ mich nicht los. Bei Wikipedia wurde man vom Lemma »Deutsche Technische Hochschule Prag« auf »Tschechische Technische Universität Prag« umgeleitet. Dort waren zwar auch Angaben über die Gründung zu lesen, aber die Informationen ergaben keinen rechten Sinn. Also begann ich nachzuforschen und stieß auf das Buch »Die Deutsche Technische Hochschule in Prag und ihre Vorstufen. Zweieinviertel Jahrhunderte akademische deutsche Ingenieurausbildung (1718-1945)« von Johann Joseph Boehm, das 1991 erschienen ist. Der Autor war offensichtlich ein Sudetendeutscher (oder Deutsch-Böhme), der nach dem Krieg vertrieben worden war.

Die Lektüre war sehr aufschlussreich. Und sie zeigte klar, dass sich im Wikipedia-Artikel ein entscheidender Fehler eingeschlichen hatte: Dort wurde nämlich nicht unterschieden zwischen der Tschechischen und der Deutschen Technischen Universität, die zeitweilig parallel bestanden haben, sondern es wurde die Geschichte der TTH mit der Geschichte der DTH verwoben – wahrscheinlich aus Unkenntnis. Boehm zeigt in seiner Darstellung, dass nach dem Krieg versucht wurde, die Geschichte umzuschreiben und die Tradition der deutschsprachigen Ingenieurausbildung in Prag aus dem Gedächtnis zu tilgen. Das tauchte im Wikipedia-Artikel wieder auf, und ich nahm mir vor, das zu korrigieren.

Wer sich bei Wikipedia engagiert, muss manchmal viel Zeit mitbringen, denn es ist nicht so, dass sich dort »die Wahrheit« sogleich durchsetzt. Je kontroverser, je politischer das Thema ist, desto mehr Widerstand wird einer bestimmten Darstellung entgegengebracht. Ich stellte mich also auf langwierige Diskussionen ein, soch erstaunlicherweise blieben die aus, und mein Artikel ist immer noch nicht korrigiert worden. Es sieht so aus, als wäre das Thema bei den Wikipedia-Mitarbeiter völlig unbekannt oder unkontrovers. Oder aber meine Darstellung ist so ausgewogen, dass sie nicht zu beanstanden ist. Das würde mich freuen, denn das Thema Vertreibung ist – wie ich meine – immer noch emotionsbeladen, komplex und deshalb schwierig zu behandeln.

Und nun steht mein zweiter Artikel bei Wikipedia (der erste behandelt die »Schwedeneiche«) immer noch da – wie lange noch? Ich kann jedenfalls – als Zwischenfazit – alle nur ermutigen, sich ebenfalls bei Wikipedia einzumischen und mitzugestalten. (Man kann übrigens auch meinen Artikel über die DTH Prag umarbeiten.) Es ist einerseits zwar ziemlich aufwendig und technisch anspruchsvoll, aber andererseits ganz leicht, wenn man sich ein bisschen in die Materie einarbeitet und systematisch vorgeht. Man braucht erst ein paar Kenntnisse der Funktionsweise der Wikipedia und dann gute Argumente, um ihren Kriterien zu entsprechen. Manchmal braucht man einen langen Atem, um sich gegen destruktive Mitarbeiter zu behaupten, die sich darin gefallen, Artikel immer wieder umzuschreiben oder einen Löschantrag zu stellen. Aber am Ende trägt man mit seinem Engagement dazu bei, eine wichtige Informationsquelle im digitalen Zeitalter mitzugestalten und der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Die persönliche Betroffenheit kann, wie bei mir, ein guter Ausgangspunkt sein.

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