Seyran Ateş gründet eine liberale Moschee

Die Berliner Rechtsanwältin Ateş lehnt die Frauenfeindlichkeit des Islam ab. Das ist dem Establishment ein Dorn im Auge. Aber Ateş ist schon durchs Feuer gegangen und lässt sich deshalb nicht bremsen.

Die Berliner Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ateş.
Seyran Ateş, 2016. Foto: Stephan Röhl / stephan-roehl.de / Heinrich-Boell-Stiftung / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Am 16./17. Juni 2017 wurde in Berlin eine neue Moschee – die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee – gegründet – doch was so harmlos und unspektakulär klingt, hat es in sich: Nach eigenem Anspruch handelt es sich um eine liberale Moschee, in der Männer und Frauen gemeinsam beten, Frau predigen und überhaupt jeder willkommen ist. Die Gründer dieser Moschee, die in einem Gebäude einer evangelischen Kirchengemeinde Unterschlupf gefunden haben, haben ein konkretes Motiv: Sie wollen ihre Religion von den Konservativen zurückhaben, sie lehnen den politischen Islam und seine frauenfeindlichen Lehren ab. Eine liberale Moschee zu gründen, klingt also nur unspektakulär, es ist fast schon eine Kampfansage.

Im Zentrum des Gründerkreises steht die Rechtsanwältin Seyran Ateş, eine Berliner Frauenrechtlerin aus einem kurdisch-türkischen Elternhaus. Bei der Eröffnung der Moschee leitete sie freundlich, aber bestimmt durch das Programm, das aus religiösen Elementen wire Gebet und Fastenbrechen und politischen wie einer Pressekonferenz und zwei Podiumsdiskussionen über die Lage des Islam als solchem und der Lage des Islam in Deutschland und Europa bestand. Dass Ateş zu den Moscheegründerinnen gehört, kann eigentlich nicht verwundern, wenn man ihre Geschichte kennt. Den Kampf um einen modernen Islam kann eigentlich nur der aufnehmen, der wie sie durchs Feuer gegangen ist.

Anfang der achtziger Jahre arbeitete Ateş in einem Kreuzberger Frauenzentrum, wohin sich auch Opfer häuslicher Gewalt flüchteten oder sich beraten ließen, die aus türkischen oder arabischen Familien stammten. Eines Tages tauchte dort ein Mann auf, der Leyla sprechen wollte und sich auch nicht mit dem Hinweis abwimmeln lassen wollte, dass Leyla dort nicht bekannt ist. Ateş wollte ihn schließlich hinausdrängeln, doch dazu kam es nicht mehr. In ihrer Autobiografie »Große Reise ins Feuer« schreibt sie: Der Mann »steckte langsam die Hand in die Brusttasche seines Trenchcoats. Als er seine Hand so langsam in die Tasche schob, dachte ich für den Bruchteil einer Sekunde: Der holt jetzt eine Kanone raus. So war die Handbewegung, so war der Blick. Irgendwie war klar, dass er keine guten Absichten hatte und keine Unterlagen hervorholen wollte. tatsächlich zog er eine Pistole und zielte in Richtung Neriman und mir. Ich sah in den Lauf und dachte: Scheiße, der erschießt dich jetzt. Das kann doch nicht sein. In dem Moment knallte es schon.« Neriman wurde getötet, Ateş überlebte den Anschlag schwerverletzt. Der mutmaßliche Täter wurde später aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Ateş verbrachte ihre Kindheit in der Türkei, in einer Kultur, in der der Zusammenhalt der Familie über alles geht – mit allen Licht- und Schattenseiten; in der es für Männer unüblich war, seine Gefühle gegenüber Frau und Kindern zu zeigen; in der es auch im 20. Jahrhundert nicht unüblich war, dass Mädchen zum Zwecke der Verheiratung entführt wurden (teils mit deren Einverständnis); in der ein Mann mehrere Frauen haben konnte; in der Türken und Kurden, Sunniten und Aleviten in ständiger unterschwelliger Spannung lebten; in der die verletzte Ehre eines Mannes zu schlimmen Gewalttaten führen konnte. Aus dieser Enge und aus der Armut des anatolischen Dorfes flüchteten Ateş‘ Eltern schließlich nach Istanbul, wo sie in einem Armenviertel lebten und wo Seyran 1963 zur Welt kam.

Aus dieser Armut entfloh die Familie schließlich nach Deutschland, nach West-Berlin. Erst geht die Mutter, dann folgt der Vater und schließlich auch die Kinder. Der kleinen Seyran gefällt die Stadt gut, das Wohnviertel schon weniger, und die Wohnung, in der sie sich eingesperrt fühlt, hasst sie. »Mein Spielfeld vor der Haustür war ganz klar abgesteckt: links bis zur Ecke und rechts bis zum Schuster. Bis dahin konnte man mich nämlich vom Fenster aus beobachten.« Mit Schlägen wurde sie zur Hausarbeit herangezogen, während ihre Brüder alle Freiheiten genossen; geschlagen wurde sie übrigens auch von ihnen. Kaum verwunderlich, dass in Seyran schon früh der Wunsch erwachte, dieser Lage zu entkommen. Allerdings musste sie dazu erst noch ein paar Jahre älter werden. Sie besuchte die Schule, lernte Deutsch, machte schlechte Erfahrungen mit Ausländerfeinden und Behörden und gute mit Nachbarn und Lehrern. Die Lektüre der Erinnerungen macht klar: Im Deutschland der siebziger Jahre hatten es Türken nicht leicht, aber türkische Mädchen und Frauen hatten es doppelt schwer, weil sie zusätzlich zur Diskriminierung in der Öffentlichkeit auch zuhause einem kaum glaublichen Druck und rigiden Erziehungsmethoden ausgesetzt waren.

Der Islam, den Ateş von ihren Eltern mitbekam, war kulturell geprägt und unbefleckt von politischer Theologie. Die Eltern vermieden in Berlin Moscheebesuche, weil dort Fundamentalisten das Wort führten. Seyran unterdessen besuchte in der Schule auch den christlichen Religionsunterricht, und als ihre Eltern herausfanden, was dort geschah, meldeten sie sie ab. Doch sie ging weit hin, weil sie der Stoff interessierte. Erst später, als die Mutter Lesen und Schreiben gelernt hatte und nun den Koran vorzulesen vermochte (ohne ihn zu verstehen, natürlich), interessierten sich auch die Eltern verstärkt für ihre Religion und besuchten Koranunterricht. Trotzdem allerdings befand sich Seyran weiterhin im Gefängnis aus kulturell-religiös geprägter Frauenunterdrückung, die durch die »Angst [der Eltern] vor den Deutschen« noch verstärkt wurde. Und je älter sie wurde und zu einer Erwachsenen heranwuchs, desto schlimmer wurde ihre Lage. Sie bewegte sich in zwei Welten, fühlte und analysierte die Diskrepanz zwischen ihnen und litt darunter, zum Beispiel weil sie einerseits in der Schule als Sprecherin erste politische Erfahrungen machte, während sie zu Hause die Männer bedienen musste.

Und dann wurde es ernst: »Anfang Dezember 1979 beschloss ich endgültig, von zu Hause abzuhauen.« Doch der Prozess der Abnabelung vom Elternhaus war nicht einfach, denn es ging nicht nur darum, praktische Probleme zu lösen, sondern auch die emotionalen Abgründe zu überwinden, die mit einem harten Schnitt verbunden sind. Hinzu kam: Freiheit musste erst erlernt werden. Seyran suchte Zuflucht in einem Jugendhaus, kehrte dann aber doch zu den Eltern zurück, um sie schließlich wieder zu verlassen. Dazu ging sie weiter zur Schule, legte ihr Abitur ab, versank im Gefühlschaos verschiedener Beziehungen und nahm ein Jurastudium auf. Es gelang ihr, die Familie nicht vollends zu verlieren, sondern sie blieb beiden Welten erhalten: Der türkischen wie der deutschen. Sie mied türkische und arabische Männer und suchte die Gemschaft mit politisch aktiven Frauen, die für ihre Rechte kämpften – ein Thema, bei dem sie ihre speziellen Erfahrungen in die West-Berliner Szene einbringen konnte. Die Teilnahme an einem Frauenkongress in Frankfurt am Main wurde für sie zu einem Schlüsselerlebnis, weil sie dort »eine Vorstellung entwickeln konnte, wohin ich gehörte. Ich fühlte mich endlich frei.«

Ihre eigene Herkunft hat sie dazu gebracht, sich für Frauenrechte einzusetzen, und ihre Herkunft ist es auch, die sie dazu gebracht hat, sich auch mit ihrer Religion zu befassen. Sie sagt: »Der Islam ist keine bessere oder schlechtere Weltreligion als das Christentum oder Judentum. Der Islam wird aber im Zusammenhang mit dem Anschlag auf New York [am 11. September 2001] zum Monster stilisiert. Es ist nicht die Religion, die Attentate verübt. Es sind Menschen, die das tun, Männer, die sich anmaßen, im Namen der Religion einen Krieg zu führen, und Frauen unterdrücken und töten.« Aus dieser Analyse hat sie ihre Schlüsse gezogen und deshalb die Moschee gegründet. Sie will ihre Religion von der Überlagerung durch frauenfeindliche Traditionen befreien und als freier Mensch eine freiheitliche Religion ausüben. Das ist den maßgeblichen Stimmen in der islamischen Welt natürlich ein Dorn im Auge: Schon jetzt ist in Kairo eine Fatwa gegen Ateş erlassen worden, die türkische Regierung schimpft und droht, im Internet erhält sie Morddrohungen. Die große Reise der Seyran Ateş ist noch nicht beendet.

Foto: Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

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