Die Wittenberger »Judensau«: Entfernen oder belassen?

Was tun mit Kunst, die heutigen Wertvorstellungen nicht mehr entspricht? Konrad Paul Liessmann empfiehlt: Lieber mit der Vergangenheit auseinandersetzen als die Gegenwart ideologisieren.

Foto: Wikimedia Commons / gemeinfrei

Ein schwieriges Thema: Wie geht man mit Zeugnissen aus der Vergangenheit um, die überhaupt nicht mehr den gegenwärtigen Wertvorstellungen entsprechen, ihnen sogar zuwiderlaufen? Aktuell – anlässlich des Lutherjahrs 2017 – versucht eine Bürgerinitiative zu erreichen, dass die »Judensau« an der Wittenberger Stadtkirche entfernt wird. Die Kirche will das nicht; seit 1988 thematisiert eine am Boden eingelassene Tafel die Darstellung.

Konrad Paul Liessmann argumentiert in der »Neuen Zürcher Zeitung«, dass es besser ist, derartige Kunstwerke bestehen zu lassen und sich um eine angemessene Einschätzung zu bemühen. Man müsse in der Lage sein, ein 700 Jahre altes Propagandarelief in den Kontext seiner Entstehung einzuordnen. Und außerdem wären die Folgen unabsehbar, wenn man alle Darstellungen entfernen würde, die heutigen Maßstäben nicht mehr gerecht werden. Dann hätte man viel zu tun, meint er.

Schließlich weist Liessmann auch auf die dem Wunsch nach Abnahme zugrundeliegende Einstellung hin: Er erkennt hier »die Lust an der Säuberung und ein damit verbundenes Phantasma der politisch-moralischen Reinheit.« Er nennt sie »geschichtsvergessen« und warnt vor dem Versuch, die Gegenwart von der Vergangenheit zu isolieren und sich dadurch eine Möglichkeit zur Selbstreflexion zu nehmen. Man könnte nämlich möglicherweise entdecken, dass Luthers Antisemitismus bloß verdeckt, dass das Christentum eben doch aus dem Judentum entstanden ist und die Rede von den »christlich-jüdischen Wurzeln« Europas eine Berechtigung hat.

Es gibt übrigens – auch darauf weist Liessmann hin – weitere historische Kunstwerke und Gedenkzeichen, die man heute nicht mehr produzieren würde und deshalb von manchen »unter die moralische Kuratel der Gegenwart« gestellt werden wollten: Das können Kinderbuchklassiker ebenso sein wie das Bild des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform in den Räumen der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Die einen schreibt man um, das Bild hängt man ab.

Liessmanns Beispiele lassen sich mit Sicherheit mühelos ergänzen, das Problem bleibt stets dasselbe: Die zum Ausdruck gebrachten Werte des Urhebers unterscheiden sich zum Teil diametral von den unsrigen. Die Aufgabe bleibt allerdings ebenfalls unverändert: Man muss die Vergangenheit als geschehen annehmen – getreu dem Motto: »Was passiert ist, ist passiert« – und nicht die eigenen Maßstäbe als überzeitlich und ewig betrachten. Wer weiß schon, was wir in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren denken?

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