Hinweise für das Schreiben von Autobiografien

Woran erkennt man eine Selbstbiografie von Rang? Und was sollte man beachten, wenn man sich anschickt, das eigene Leben niederzuschreiben? Axel von Harnack gibt Tipps – nicht nur für Staatsmänner.

Foto: Gage Skidmore / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)

Autobiografien sind eine Quelle für den Historiker wie jede andere. Allerdings muss man, wenn man sie benutzt, den besonderen Umstand berücksichtigen, der sie von anderen Quellenarten unterscheidet: Der Autor hat nämlich die Welt ausdrücklich aus seiner Sicht geschildert, er ist sowohl Beschreibender als auch Beschriebener. Dadurch geht der Autobiografie – oder besser: Selbstbiografie – jene »Objektivität« ab, die die Lebensschilderung durch einen anderen Autor auszeichnet.

Sollen die Verfasser von Selbstbiografien berücksichtigen, dass spätere Forscher sie als Quelle verwenden werden? In einem Aufsatz von Axel von Harnack, der schon vor längerer Zeit erschienen ist*, wird vorausgesetzt, dass diese Frage zu bejahen ist. Er formuliert eine Art Agenda für den Autor einer Selbstbiografie, unter der er ausdrücklich nicht Memoiren oder Erinnerungen verstanden wissen will, wobei er vor allem an Politiker und Staatsmänner, an Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu denken scheint.

Von Harnack hat allerdings für alle, die mit dem Gedanken schwanger gehen, eine Selbstbiografie zu verfassen, einen eindeutigen, ermutigenden Rat: Man kann dabei im Grunde nichts falsch machen. »Als schöpferischer Autor sieht sich in einzigartiger, bevorzugter, günstiger Lage, wer sein eigenes Leben zu beschreiben beginnt. Er hat keinen Konkurrenten zu fürchten; der Stoff gehört einzig und allein ihm. Er weiß, was zu sagen ist. Besser als er kann es niemand machen, und ein künftiger Biograph ist kein unmittelbarer Rivale. So erklärt es sich, daß keine Selbstbiographie ganz wertlos ist, ja daß ein solches Unternehmen nie völlig mißglücken kann […] und mißraten ist. Mag der Autor im Schreiben ungelenk, mag er weitschweifig sein oder es nur zu Bruchstücken bringen – etwas Lehrreiches und Denkwürdiges wird er stets zu sagen haben. Diese Beobachtung ist geeignet, auch den voller Hoffnung auf ersprießliche Arbeit zur Feder greifen zu lassen, in dessen Lebenswerk das Schreiben nicht ein wesentlicher Inhalt war.«

Von Harnack hat Antworten auf sechs Fragen bereit, mit denen sich jemand, der über das Verfassen einer Autobiografie nachdenkt, irgendwie befasst.

  1. Was ist der Grund, eine Autobiografie zu verfassen? »Der Entschluß erfordert Mut«, meint von Harnack zu recht. Er nennt vier Gründe: erstens den Wunsch, die Jugend zu belehren, auch wenn die nicht zuhören will – wenn die Erfahrungen des Älteren schriftlich weitergegeben werden, kann der Jüngere die Ratschläge wenigstens später nachlesen. Zweitens der Wunsch nach Rechtfertigung, der vor allem bei Politikern weit verbreitet ist; man ordnet die eigenen Fehler in einen größeren Zusammenhang ein und macht sie dadurch nachvollziehbar. »Die Selbstbiographie: eine Selbstverteidigung.« Drittens macht es einfach Spaß, den Lauf der Welt einmal selbst darzustellen. Und viertens kann man die Erzählungen, die sich erst im Verlauf des Lebens verdichten, nun ungestört widergeben. Aufgeschrieben werden Selbstbiografien allerdings eher von Mänenrn als von Frauen, was jedenfalls nicht am Erfahrungsschatz von Frauen liegen kann, wenn man ihre Erzählkünste bedenkt, die sie Männern voraus haben.
  2. »Wer soll schreiben?«, fragt von Harnack, und nennt die, die »in das öffentliche Leben spürbar und rühmlich eingegriffen« haben, also »Politiker oder Gelehrter, Arzt, Künstler oder ein Mann der Praxis«. Aber eigentlich sieht er überhaupt keine Beschränkung des Autorenkreises: »Selbstbiographien von Rang sind eine Literaturgattung, die entschieden zu begrüßen ist – ja es kann gar nicht genug davon geben.«
  3. Auf die Frage, was man niederschreiben soll, gibt es laut von Harnack keine einheitliche Antwort. Man lässt sich von seinem Gedächtnis leiten und greift, wo immer möglich, auf Tagebücher, Notizen oder Dokumente zurück, die den Erinnerungsprozess unterstützen. Vor allem ist es wichtig, bestimmte berichtenswerte Ereignisse in die eigene Biografie gleichsam einzuarbeiten, indem man sie persönlich würdigt. Damit schafft man etwas Neues, Einzigartiges. »InAutobiographie steckt eine Fülle von nur hier gesichert festgehaltenen Quellenstoff […]. Der Autobiograph soll in erster Linie fixieren, was nur er wissen kann. Sein Ziel ist ja nicht eine Geschichte seiner Zeit, sondern er selbst.« Erfahrungsgemäß gelingt es den Verfassern von Selbstbiografien die Schilderung ihrer Jugendjahre am besten. Manch einer bricht die Darstellung aber sodann ab, weil das Erinnerte uneindeutig, konfliktbehaftet oder widersprüchlich und umstritten wird. Das gilt vor allem, wenn man auf Menschen Rücksicht nehmen will oder muss, die noch am Leben sind. Dem Wert der Ausführungen tut dies allerdings keinen Abbruch: »Aber auch solche steckengebliebenen Selbstbiografien sind nicht wertlos – mindestens nicht für die Familie, weil sie die Überlieferung der Herkunft festhalten, und weil sie gerade für die Beurteilung der Schul- und Universitätsverhältnisse bedeutsam sind.«
  4. Betreffs den Zeitpunkt, an dem man das Projekt angehen sollte, gibt von Harnack einen eindeutigen Rat: »Nicht zu spät, also nicht erst nach dem Ausscheiden aus dem öffentlichen Wirken oder in zu hohem Alter.« Er empfiehlt, bald nach dem 50. Lebensjahr an die Selbstbiografie zu denken und sich immer wieder Notizen zu machen und Material zu sammeln.
  5. Soll das Werk am Ende 20 oder 200 Seiten umfassen? Auch hier kann es nach von Harnack keine einheitliche Empfehlung geben. Auf jeden Fall muss das Werk am Ende – hoffentlich – gedruckt und auf den Markt gebracht – und vielleicht sogar gelesen werden. Der Leser ist ein unbekanntes Wesen, wie man so schön sagt, dessen Aufnahmefähigkeit häufig überschätzt wird. Und zwar vor allem vom Autor, der so viele Stunden in das gute Stück investiert hat. Es kommt also auf den Inhalt an, der die Form bestimmt: »Innerer Gehalt und äußerer Umfang stehen in einem bluthaften Zusammenhang. Entscheidend soll das Ziel sein, ein harmonisch ausgewogenes Werk zu schaffen.«
  6. Und schließlich stellt sich dem Leser noch die Frage, die schon Pilatus umgetrieben hat: Ist das alles wahr? Doch wenn man weiß, dass Lügner, Hochstapler und Betrüger eher selten zur Feder greifen, darf man den Selbstbiografien einen hohen Wahrheitsgehalt zuschreiben, meint von Harnack, der das für Memoiren allerdings nicht behaupten will. Sie läuft Gefahr, weniger die wahrheitsgemäße Schilderung der Zeit und der darin handelnden Personen angestrebt zu haben, sondern eher der Gefahr zu unterliegen, der Versuchung der Ausschmückung nicht erliegen zukönnen, was zwar den Verfasser schöner dastehen lässt, aber sich von der Wirklichkeit spürbar entfernt hat.

Von Harnacks Anforderungskatalog bezieht sich auf »Selbstbiographie[n] von Weltbedeutung«, die »eine Fort- und eine Fernwirkung« haben, »in der sie nur von den monumentalen Werken der Weltliteratur erreicht oder übertroffen« werden. Er denkt an Augustinus, Dante oder Goethe – in ihren Selbstbiografien »leben [sie] noch heute und antworten auf die Fragen unserer Tage.« Von diesem Anspruch braucht sich aber, ist hinzuzufügen, niemand einschüchtern lassen. Man mag Augustinus, Dante oder Goethe als Maßstab für die eigene Lebensbeschreibung nehmen, aber einschüchtern lassen sollte man sich von ihnen nicht. Aber das weiß von Harnack auch selbst: »Jede Selbstbiographie hat ihren Eigenwert. […] Jedes solche Werk besitzt sein volles Lebensrecht, kann nicht wiederholt werden und kennt seiner Natur nach neben sich keinen Rivalen.«

*Axel von Harnack: Die Selbstbiographie – ihr Wesen und ihre Wirkung, in: Merkur. Zeitschrift für Wissenschaft, Kunst und Kultur, 10. Jg., Juli 1955, H. 7, S. 689-698.

Foto: Gage Skidmore / flickr.com / CC BY-SA 2.0

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