Eine außergewöhnliche Verweigerung

Mit seinen Erinnerungen stellt Joachim Fest seinem Vater ein gutes Zeugnis aus

Joachim Fest. Foto: Blaues Sofa / Wikimedia Commons / CC BY 2.0 (bearb.)

Bei den Erinnerungen, die Joachim Fest bereits 2006 veröffentlicht hat, reizt vor allem der Titel zur Lektüre: Ich nicht, lautet die schlichte Ankündigung. Sie macht dem Leser von vornherein klar, dass hier jemand schreibt, der nicht mit dem Strom schwimmt, sondern sich die Freiheit nimmt, eigene Wege zu gehen, unabhängig davon, was andere davon halten mögen. Ich nicht – das klingt trotzig, selbstbewusst, sogar arrogant. Wenn man aber erst einmal die so aufgerichtete Hürde überwunden und sich in das Buch vertieft, wird man mit einer interessanten, klar formulierten und höchst aufschlussreichen Autobiografie belohnt.

Der Titel ist allerdings insofern missverständlich als er sich weniger auf den Autor Joachim Fest bezieht, sondern eher auf seinen Vater, Johannes. Er war wohl ein Schulmeister, ein Bürgerlicher, ein Deutscher, wie er im Buche steht: trocken, aber humorvoll, idealistisch, bildungsbewusst – und mit eisernern Grundsätzen, die durch nichts außer Kraft gesetzt werden können. Auch nicht durch Hitler und seine von ihm verachteten Anhänger, Schergen, Mittäter. Mit seiner Sturheit bringt er insbesondere seine Frau zur Verzweiflung, die Familie in Gefahr und in Existenznöte.

Als Hitler 1933 an die Macht kommt und die Weimarer Republik wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, hält der Vater an bürgerlichen Werten fest. Er verweigert sich der neuen Zeit. Während rundherum Nachbarn, Freunde und Kollegen mitmachen – weil sie begeistert sind von dem Rattenfänger oder weil sie Nachteile fürchten, wenn sie abseits bleiben -, nimmt er sogar die Entlassung aus dem Schuldienst, Gängelungen und Demütigungen in Kauf. Die Familie leidet mit, notgedrungen.

In dieser Familie, in dieser Zeit wächst der kleine Joachim also heran. Schon früh wird er in die Probleme des Vaters eingeweiht. Des Vaters Freunde sind inhaftiert, emigriert oder zu Hitler übergelaufen, da müssen die Söhne eben früh erwachsen werden. Doch Joachim begreift natürlich nicht die ganze Tragweite der Ereignisse, außerdem plagen ihn noch andere Sorgen: Schule, Geschwister, und nach kurzer Jugend auch die Einberufung als Minderjähriger zur Wehrmacht. Mädchen kommen in den Erinnerungen übrigens so gut wie überhaupt nicht vor, auch die Rolle der Schwestern bleibt blaß.

Diktatur, Gewalt und Krieg spielen fast durchweg eine Rolle, unterbrechen das tägliche Leben, das ja weiter gehen muss. Irgendwann muss er selbst an die Front, doch er gerät glücklich in amerikanische Gefangenschaft, wo er mehrere Jahre bleibt. Als alles überstanden ist, beginnt er ein neues Leben als Journalist und Wissenschaftler. Die Verunsicherung über den Zivilisationsbruch des nationalsozialistischen Deutschlands bleibt indes. Über des Vaters Gedanken schreibt Fest: »Er habe sich bis 1932 jederzeit den Nachweis zugetraut, daß ein primitiver Bandenführer wie Hitler niemals die Macht in Deutschland erringen werde. Aber er habe keine Ahnung gehabt. Zu seinen erschütternsten Erfahrungen zähle, daß es ganz unvorhersehbar war, wie ein Nachbar, Kollege oder sogar Freund sich in moralischen Entscheidungen verhalten werde. Darauf sei er ohne Antwort bis heute.«

Fest, der 2006 gestorben ist, hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, das dem Leser die Zeit des Nationalsozialismus beklemmend nahe bringt. Er zeichnet darüber hinaus ein teilweise plastisches Gemälde einer typischen bürgerlichen Familie, die sich dank des Starrsinns des Vaters im entscheidenden Moment untypisch verhält. In dieser Hinsicht ist die Familie auch für heutige Leser durchaus als vorbildhaft anzusehen. Schließlich gibt es auch heute immer wieder Gelegenheit, »ich nicht« zu sagen. Dass das – im Vergleich zu damals – gefahrlos möglich ist, darf indes nicht übersehen werden. Und schließlich entsteht durch Fests Schilderungen – und dem, was er auslässt – ein zumindest nicht uninteressantes Portät eines Jungen, der später mit seiner Hitler-Biografie das Bild des Diktators in der Bundesrepublik maßgeblich beeinflussen sollte.

Joachim Fest: Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 4. Auflage 2010.

Foto: Blaues Sofa / Wikimedia Commons / CC BY 2.0