Die zweite Geburt

Wie Detlef Herrmann 1974 die DDR verließ

Foto: Juan Cabanillas / flickr.com / CC BY 2.0

Als es endlich soweit war, zitterten dem jungen Mann die Knie. Doch da er sich von seiner Anspannung nichts anmerken lassen wollte – nein: nicht durfte! –, riss er sich zusammen. Er ging an vielen Rentnern vorbei, die sich wie er schon früh auf den Weg gemacht hatten, trat an einen Extraschalter heran und reichte seine Papiere hinüber. Der Beamte sah sie aufmerksam durch, stempelte sie ab und gab sie ihm zurück. Weiter – und immer schön ruhig bleiben, dachte sich der junge Mann. Er löste eine Fahrkarte für 50 Pfennig West, was ihm teuer vorkam, durchquerte etliche Tunnel, landete auf dem West-Bahnsteig und stieg in die S-Bahn. Um 8.44 Uhr setzte sie sich in Bewegung und fuhr nach West-Berlin hinein – mit ihm. Die DDR lag hinter ihm, er war frei und fühlte sich wie neugeboren.

Detlef Herrmann wurde am 15. Oktober 1943 in Cottbus geboren. Das war als seine Vaterstadt im Bombenkrieg fast unterging, und mit ihr das angeblich tausendjährige Reich. Als er erwachsen wurde und sich in der Welt umblickte, fand er sich in der besten aller Welten wieder: der DDR, dem ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden. Schon früh wusste er, was er später einmal beruflich machen würde: Bereits als Zwölfjähriger war er sich sicher, dass er einmal Dokumentarfilmer werden würde. Sein Traum war es, sich mitten in der Wirklichkeit zu bewegen, sie aber zugleich künstlerisch zu überhöhen und damit Pathos auszulösen. Vom Vater hatte er die Leidenschaft fürs Fotografieren abgeguckt, seine Vorbilder waren Andrzej Waijda und Sergej Eisenstein.

In der DDR nahm Herrmann eine Minderheitenposition ein. Bei ihm war die Ideologie auf fruchtbaren Boden gefallen. Er hielt den Sozialismus für das bessere, das überlegenere System. Nach dem Bau der Berliner Mauer traf er deshalb eine bewusste Entscheidung: Ab jetzt wollte er keine halben Sachen mehr machen, sondern aktiv und bedingungslos am Aufbau des Sozialismus mitwirken. Als am ersten Schultag nach dem Mauerbau der Direktor, ein linientreuer Kader, die Schüler einer Befragung unterzog, stand Herrmann auf. Vor der versammelten Schülerschaft legte er ein Bekenntnis zum Sozialismus ab und kündigte an, nach dem Abitur drei Jahre in der Volksarmee – bei den Panzern – dienen zu wollen.

Ab jetzt war Herrmann bei den Mitschülern nicht mehr gelitten. Es ging das Gerücht um, das Bekenntnis sei mit dem Direktor abgesprochen gewesen, denn kurze Zeit später begann die NVA, an der Schule um Freiwillige zu werben. Auch kurze Zeit später bei der NVA hatte er wenig zu lachen. Um ihn herum versuchten seine Kameraden, die Zeit einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Statt „Ketten zu kloppen“, wie die Soldaten den technischen Dienst nannten, wurde  Herrmann als Liebling der Kommandeure häufig mit Sonderaufgaben betraut, die ihn näher an seine Fotoleidenschaft brachten. Dass er außerdem immer alle Vorschriften beachtete, machte den preußischen Kommunisten nicht eben beliebter.

Während Herrmann also in der DDR-Ideologie seine Heimat gefunden hatte, kam er seinem Ziel, Dokumentarfilmer zu werden, nur langsam näher. Noch während seines Militärdienstes bemühte er sich um einen Studienplatz an der Filmschule in Babelsberg, doch die wollten ihn nicht – er war einfach zu rot, wie er vermutete. Nach einer brieflichen Beschwerde bei Walter Ulbricht erhielt er eine Arbeitsstelle in der Chefredaktion Kulturpolitik beim Deutschen Fernsehfunk. Seinem Ziel brachte ihn das zwar näher, weil Betriebe berechtigt waren, ihre Mitarbeiter zum Studium zu entsenden. Doch dann durchkreuzte die internationale Politik seine Pläne: In Prag wollte Alexander Dubcek den Sozialismus reformieren, die anderen Staaten des sozialistischen Blocks waren dagegen, und die Filmschule verhängte auf Druck der SED-Führung einen Einstellungsstopp.

Also begann Herrmann ein „Höheres-Töchter-Studium“ der Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität, das er 1970 abschloss. Sein Ziel hatte er dabei immer noch vor Augen, doch höhere Stellen hatten andere Pläne: Als linientreuer Genosse war er für Höheres vorgesehen. Also kam er zum Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW), wo es seine Aufgabe war, das zu tun, was normalen DDR-Bürgern vorenthalten war: Westzeitungen zu lesen, und zwar so viele wie möglich. Doch inzwischen dachte er anders, es begann in ihm zu arbeiten. Die Niederschlagung des Prager Frühlings hatte er um der höheren Sache willen – Rettung des Sozialismus – noch gerechtfertigt, doch inzwischen grummelte es auch in Polen. Und jetzt hatte er auch noch Zugang zu Publikationen, in denen die Wirklichkeit so ganz anders beschrieben wurde als im „Neuen Deutschland“. Die tägliche Konfrontation mit dem Klassengegner im Lesesaal ließ seine kritische Solidarität zum Sozialismus ins Wanken geraten.

Die Arbeit im IPW brachte für Herrmann die Wende, denn dank seiner privilegierten Stellung konnte er die Widersprüche des Systems nicht mehr übersehen. Was er täglich erlebte, war schizophren, ein Theater, das – bestürzend genug – alle mitspielten. In einer schlaflosen Nacht im Jahr 1971 dachte er zum ersten Mal daran, diese Bühne zu verlassen. Doch der Gedanke war keine Befreiung, denn er wusste nicht, wie er einen Abgang hinbekommen würde. Mit einer Kugel im Rücken wollte er nicht enden, aber auch der Preis einer Gefängnisstrafe erschien ihm als zu hoch. Seine größte Leistung in den nächsten Jahren der Freudlosigkeit bestand nun darin, sein Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren, nicht unterzugehen in der Depression. Erst im August 1974 – es war an  einem Montag – konnte er wieder Mut fassen, denn er erhielt vom Parteisekretär den Auftrag, am Freitag nach West-Berlin zu fahren, um eine Pressekonferenz des Bundes Freiheit der Wissenschaft besuchen.

Das war die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte! Herrmanns Vorbereitungen auf den Seitenwechsel waren durchdacht, aber dennoch nicht ohne Risiko. Er ließ Kopien aller Zeugnisse in der institutseigenen Kopiermaschine machen – in der Kopiermaschine, die besser bewacht wurde als ein Waffenschrank. Auch der Notar, der die Kopien beglaubigte, und die Post, die sie per Einschreiben nach West-Berlin beförderte, waren Unsicherheitsfaktoren. Und was sollte er für einen Tagesbesuch in den Westteil der Stadt mitnehmen? Seinen elektrischen Rasierer wollte er nicht zurücklassen; ob der Plan, bei einer Taschenkontrolle auf den starken Bartwuchs zu verweisen, überzeugen würde? Und wie sollte er seine Frau benachrichtigen, die gerade auf einer Dienstreise war? Sicher, sie hatten über seine Verzweiflung gesprochen, aber mit einer Kontrolle seiner Wohnung nach seiner Abreise musste Herrmann rechnen. Deshalb hinterließ er ihr als letzte Botschaft lediglich auf der Deckelinnenseite ihres Schmuckkästchens die Buchstabenfolge „HOFFE“.

Die S-Bahn-Fahrt in den Westen am 27. August 1974 war für Herrmann ein magischer Moment, eine zweite Geburt. Der S-Bahnsteig war West-Berlinern zum Umsteigen reserviert, aber auf einem Laufsteg über den Fahrgästen patrouillierten bewaffnete Posten. Schulkinder aßen hier, auf dem „West-Bahnsteig“, mit einer irritierenden Selbstverständlichkeit Süßigkeiten, die in der DDR ein Vermögen wert waren. Angekommen im Bahnhof Zoo erkundigte sich Hermann nach den zuständigen Behörden. Aus seiner Zeitungslektüre war ihm das Prozedere nicht ganz unbekannt. Er ging zum Fehrbelliner Platz, wo der Innensenator seinen Sitz hatte, und sagte dem Pförtner, er wolle jemanden vom Bundesnachrichtendienst sprechen. Dass der Verfassungsschutz mit DDR-Agenten durchsetzt war, wusste er ebenfalls aus der Westpresse. Dann das erste Gespräch mit dem BND-Mann. Als nicht alltäglicher Flüchtling wurde Herrmann in einem Hotel einquartiert. Am Abend spazierte er über den Kurfürstendamm, und erst als er sich in der Gedächtniskirche ein wenig ausruhte und die blaue Glaswand betrachtete, löste sich die ganze Anspannung. Die Welt, die er betreten hatte, war ihm nicht ganz unvertraut, und dennoch musste er sie sich aneignen. Er war jetzt 31 Jahre alt und musste ganz von vorne anfangen. Aber er war frei.

Das Leben führte Herrmann zunächst ins Aufnahmelager Gießen, dann zurück nach West-Berlin und schließlich nach Düsseldorf, wo er eine Familie gründete und bei einer großen Kommunikationsagentur arbeitete. 1991 kehrte er nach Berlin zurück. Er konnte es nicht ertragen, dass dort jeden Tag Weltgeschichte gelebt werden konnte – da musste er dabei sein. Mit seiner Ex-Frau – die Ehe war 1976 geschieden worden – nahm er telefonisch Kontakt auf; sie hatte wieder geheiratet. Es wurde ein längeres Gespräch ohne Vorwürfe oder Verletzungen. Sie hatte wegen seiner Flucht, mit der sie gerechnet hatte, zwar Repressalien erdulden müssen, sich aber über ihn nicht negativ geäußert. Doch nun führte jeder sein eigenes Leben. Herrmann hatte sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Ideologie gerettet und 15 Jahre Lebenszeit gewonnen. Er hatte ein großes Risiko auf sich genommen und eine neue Aufgabe gefunden. Er hat nichts bereut.

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Foto: Juan Cabanillas / flickr.com / CC BY 2.0