Der Waschsalon der Zwillingsbrüder

Foto: barnimages.com / flickr.com / CC BY 2.0

Auch in diesem Waschsalon wird vor allem Wäsche gewaschen. Und doch ist hier am Rosenthaler Platz die Stimmung anders, und verantwortlich dafür sind die Besitzer, der hier herumwuseln, Kunden beraten und einem Schwatz nie abgeneigt sind. Letztes Jahr haben sie ihren Waschsalon umgebaut und ein kleines Café eingerichtet.

Ulrich und Rolf Guttmann sind eineiige Zwillinge. Falsch, korrigiert Ulrich schalkhaft: „Wir sind ein Zwillingsbrüder – sonst wären wir ja vier.“ Und Rolf betont: „Auch Zwillinge sind immer individuell.“ Auf diese Feststellung legt er wert. Wer sie kennt, kann das bestätigen: Ulrich wirkt immer etwas distanziert; Rolf hingegen ist emotionaler und redet mehr, wenn er gut drauf ist. Beiden gemeinsam ist ihr extravaganter Geschmack, sie legen Wert auf ein gepflegtes Äußeres: Heute trägt Ulrich wieder Sneakers, Jeans und ein weißes Jackett mit schlangenartigem Muster. Die Sonnenbrille ist immer griffbereit. Rolf hat einen Dreiteiler gewählt, der sehr englisch aussieht, dazu Hemd, Halstuch und einen Hut, den er nicht ablegt. Will er auffallen? Nein, „mich schert nicht, was die Leute denken, weil ich das für mich mache,“ sagt Rolf.

Geboren wurden die beiden vor 55 Jahren im Rheinland. Doch schon bald zogen ihre Eltern mit ihnen nach Ost-Berlin um. Und kehrten wenig später wieder zurück. Aber ohne Ulrich. Der blieb in Berlin und ging in die Gastronomiebranche, während Rolf eine Lehre zum Chemiefachmann machte und dann zwanzig Jahre bei Bayer in Leverkusen arbeitete. Während der deutschen Teilung ist der Kontakt zwischen den Zwillingen nie abgerissen; Rolf kam regelmäßig nach Berlin, um Ulrich zu besuchen. Ulrich konnte aber erst 1990 zu Rolf nach Köln fahren.

Jetzt fanden die Brüder zusammen. Als die Wende Ulrich aus der beruflichen Bahn warf, fackelte Rolf nicht lange. Er kündigte seinen Job bei Bayer und ging nach Berlin, um mit seinem Bruder das Abenteuer Selbständigkeit zu wagen. Sie eröffneten eine Gaststätte. Da sie ihre eigene Wäsche auch immer auswärts wuschen und Waschsalons einfach gut fanden, wuchs die Idee, selbst einen aufzumachen. 1995 war es soweit: Die Inhaber eines Cafés wurden Franchise-Partner von „Schnell&Sauber“. Inzwischen haben sie das Café aufgegeben und konzentrieren sie sich ganz auf ihren Salon. Doch obwohl sie sich an einem guten Standort niedergelassen haben und ihre Kunden aus Mitte, Kreuzberg und Wedding kommen, ist es nicht immer einfach, sagen sie. Bei der gegenwärtigen Lage sind einfach Kämpfernaturen gefragt.

Bereut hat Rolf trotzdem nichts, und eigentlich läuft es sehr gut, wie er versichert. Aber man merkt schon, dass er kein Unternehmertyp ist. Seiner Stelle bei Bayer trauert er ein wenig nach. Dort hatte er weniger Verantwortung, geregelte Arbeitszeiten, freie Wochenenden und regelmäßig Urlaub. Die Selbständigkeit hat ihm dagegen schon so manche schlaflose Nacht bereitet, und manchmal nerven ihn die Kunden. Hin und wieder findet er die Muße für einen Ku’damm-Bummel, aber für ein richtiges Hobby lässt ihm das Geschäft einfach keine Zeit.

Gut, dass er seinen Bruder hat. Rolf und Ulrich wohnen zusammen in einer großen Wohnung, in der jeder seinen Bereich hat, in den der andere nicht hineingeht. Wenn sie etwas besprechen möchten, treffen sie sich im Flur. Aber sie sehen sich ohnehin jeden Tag; das ist „manchmal auch zu viel“, wie Rolf zugibt. Aber andererseits stört es ihn auch nicht. Sie sind eben unzertrennlich. Rolf findet, dass es gut ist, wie es ist. Erst zusammen sein und dann getrennt werden wäre schlimmer als erst getrennt sein und dann zusammenfinden, wie bei ihnen. Wer sie heute gemeinsam in Aktion sieht, der kann kaum glauben, dass sie 25 Jahre ohne den jeweils anderen auskommen mussten.

Frauen haben bei dieser symbiotischen Beziehung natürlich nur geringe Chancen. Eine Frau kommt immer erst an zweiter Stelle, hinter dem Zwillingsbruder. Wenn potentielle Partnerinnen das verstanden haben, schrecken sie häufig zurück, aber das ist eben Pech für sie. Weibliche Intrigen verfangen nicht, und da Rolf und Ulrich auch noch zusammen wohnen, wird es für die Frauen nicht gerade leichter. Da ist es ganz praktisch, nicht verheiratet zu sein. Zur Frau ihres großen Bruders Harry haben Ulrich und Rolf indes ein sehr gutes Verhältnis.

Mit der Eröffnung des Cafés bleiben sich die Gebrüder Guttmann treu. Der winzige Gastraum ist geschmackvoll eingerichtet. Als Blickfang dient ein Gemälde, auf den Tischen stehen Blümchen in Sektgläsern. Durch das große Fenster kann man die Passanten auf der Torstraße angucken. Internetnutzung ist möglich, Zeitungen liegen aus. Stühle und einzelne Accessoires sind gebraucht und verleihen dem Raum ein wenig vom Charme der fünfziger Jahre. Die Speisekarte ist italienisch angehaucht, an Getränken gibt es vom Kaffee bis zur Bionade alles, was man erwartet. Aus den Lautsprechern ertönt zumeist guter Jazz. Und wenn durch die Sichtverbindung zum Waschbereich nicht die roten Maschinen leuchten würden, könnte man fast vergessen, warum man gekommen ist. Nämlich zum Wäsche waschen.

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