Taufregister für den Holocaust

Karl Themel und die Kirchenbuchstelle Alt-Berlin

Foto: Christina Ablinus / flickr.com / CC BY-ND 2.0

Bald 70 Jahre liegt das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, doch vergehen will diese Vergangenheit nicht. Der Grund ist verständlich: Der Holocaust war ein monströses Verbrechen, das es schwer macht, ihn »ad acta« zu legen. Insbesondere die Erkenntnis, wie er ins Leben auch der nicht direkt daran Beteiligten – beziehungsweise der direkten Opfer – heranreichte, ist immer wieder beklemmend. Diese Nähe wird aufs Neue verdeutlicht durch einen vor gar nicht langer Zeit erschienenen Aufsatz über die Kirchenbuchstelle Alt-Berlin [1]. Bei dieser landeskirchlichen Einrichtung, die es in ähnlicher Form auch in anderen Städten gab, handelte es sich um eine Ermittlungsstelle, die den NS-Behörden Informationen über jüdische Vorfahren von evangelischen Christen lieferte. Durch diese Stelle hat die Kirche »Mitglieder ihrer eigenen Gemeinschaft Ermittlungen ausgesetzt, die zu Deportation und dem sicheren Tod führen konnten.« [2]

Man kann es heute kaum glauben: Die Nazis teilten die Menschen in »Arier« und »Juden« ein und bauten diese folgenreiche Konstruktion auf das Vorhandensein einer bestimmten Religionszugehörigkeit der Vorfahren auf. Die Nachfrage nach kirchlichen Personenstandsdaten zur Ermittlung des Status (»Arier«, »Mischling« oder »Jude«) stieg durch die Einführung des »Ariernachweises« ab 1933 rasant an. Mindestens bis zu den Großeltern – manchmal noch weiter zurück – musste man das religiöse Bekenntnis dokumentieren, wenn man zum Beispiel Beamter werden wollte. Da erst 1874 Standesämter geschaffen worden waren, kamen auf die Kirchengemeinden nun so viele Anfragen zu, dass das Auskunftsverfahren rationalisiert werden musste. Jetzt schlug die Stunde von Pfarrer Karl Themel, der sich als Organisator für diese Aufgabe empfahl.

Themel war schon 1932 in die NSDAP eingetreten und machte sich nach seiner Ernennung zum Leiter der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin bald ans Werk. Die kirchlichen Gremien gaben ihre Kirchenbücher nicht ungern heraus, weil sie dadurch entlastet wurden. Gegen die Zielsetzung der neuen Stelle hat sie außerdem grundsätzlich nichts einzuwenden. Lediglich gegen die Komplettverfilmung hatten sie Vorbehalte, weil ihnen dadurch die Herrschaft über die darin enthaltenen Informationen entzogen worden wäre. »Hier deuteten sich Bruchstellen an, die von nun an die gesamte Überlieferung zur Kirchenbuchfrage durchzog. Wer war Herr über die Kirchenbücher: die Kirche oder der Staat?« [3] Aber das war letztlich ein Konflikt zwischen zwei Behörden, der angesichts der Bedeutung, die die Ermittlungsergebnisse für die Betroffenen hatten, geradezu lächerlich anmutet.

Spätestens 1936 legte Themel los. Er erließ Richtlinien für den Aufbau einer Zentralkartei, die es ermöglichen sollte, »Fremdstämmige« schnell und sicher zu identifizieren – also in erster Linie »Juden, Zigeuner und Neger (Mohren an Fürstenhäusern)«, wie er darin schrieb [4]. Mit der Reichsstelle für Sippenforschung arbeitete Themel eng zusammen, und seinem Eifer war es zu verdanken, dass schon im Dezember desselben Jahres die Ermittlungsstelle und ihre Arbeit der Presse vorgestellt werden konnte. Stolz konnte Themel unterhaltsame Fundstücke zum Beispiel über Personen des öffentlichen Lebens präsentieren, vor allem aber zufrieden verkünden, dass »täglich drei bis vier Fälle einer nichtarischen Abstammung aufgedeckt« würden [5].

Das heißt also, dass Themels Einrichtung erfolgreich im Sinne der Nazis arbeitete. Darauf deutete auch das Presseecho hin. »Der Völkische Beobachter berichtete am nächsten Tag ausführlich über die neu geschaffene Ermittlungsanstalt.« [6] Und schon bald bekundete auch der Polizeipräsident Interesse an den neuen Recherchiermöglichkeiten.

In der Tat: Die Kirchenbuchstelle erfüllte ihren Zweck. Durch ihre Arbeit konnte aufgedeckt werden, wer jüdische Vorfahren hatte. Auf diese Weise konnte es geschehen, dass fromme evangelische Christen plötzlich als Bürger zweiter Klasse galten und Diskriminierung erfahren mussten. Im schlimmsten Fall hatten sie eine Deportation in ein Ghetto oder Konzentrationslager zu befürchten. Die Deutsche Evangelische Kirche störte das nicht, sie interessierte sich nur für die Abgrenzung ihrer Machtbefugnisse. »Die Kirche ist bereit, den Inhalt der Kirchenbücher und ihrer sonstigen Archivalien für das Volksinteresse zur Verfügung zu stellen. Sie glaubt sich aber berufen, diese ihre Kirchenbücher selbst zu betreuen und auswerten zu sollen.« [7]

Auch wenn einzelne Gemeinden ihre Kirchenbücher nicht herausrückten, arbeitete Themels Stelle erfolgreich. Erst der Krieg sorgte dafür, dass die Zahl der Anträge zurückging. Aber als sich dann abzeichnete, dass Bomben auf Berlin fallen würden, hatte Themel wieder einen Grund mehr, die Bücher nicht mehr zurückzugeben, und dann gab es 1943 noch einen Geheimerlass des Reichsführers SS und Chef der deutschen Polizei, der anwies, sämtliche Personenkarteien unter staatliche Gewalt zu bringen.

Als der Krieg zu Ende war, blieb Themel einstweilen auf seinem Posten. Eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin bei der Vernichtung der Juden blieb aus. Themel wurde lediglich 1949 auf eine Pfarrstelle in Sachsen versetzt und 1954 aus gesundheitlichen Gründen pensioniert. Er war allerdings noch rüstig genug, um anschließend Konsistorialrat zu werden, 1956 nach West-Berlin zu gehen und ehrenamtlich als landeskirchlicher Archivar zu arbeiten. Obwohl er »nach den Aussagen im Spruchkammerverfahren unbelehrbar der Alte geblieben« war [8], hatte er den Übergang nach dem Zusammenbruch 1945 gut gemeistert. Vergessen war auch das Urteil von Kurt Mayer von 1939: »Karl Themel ist einer der wenigen Geistlichen, der sich vorbehaltlos dem neuen Staat zur Verfügung gestellt hat. Insbesondere muss ich seine eifrige Mitarbeit an unseren rassepolitischen und sippenkundlichen Bestrebungen hervorheben.« [9] 1973 ist Themel gestorben.

Anmerkungen:

[1] Wolfgang G. Krogel: Kirchenbuchstelle Alt-Berlin – ein Hilfsorgan des NS-Staates, in: Evangelisch getauft – als Juden verfolgt. Spurensuche in Berliner Kirchengemeinden, Berlin 2008, S. 297-361.
[2] Ebd., S. 298.
[3] Ebd., S. 314.
[4] Zit. n.: ebd., S. 317.[5] Zit. n.: ebd., S. 320.
[6] Ebd., S. 320.
[7] Zit. n.: ebd., S. 335.
[8] Ebd., S. 354.
[9] Zit n.: ebd., S. 348.

Foto: Christina Ablinus / flickr.com / CC BY-ND 2.0