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»Das müsste man mal aufschreiben ...«

Wer kennt nicht diesen Seufzer? Man hat das Leben in seiner ganzen Fülle mitbekommen. Und nun ist der Punkt erreicht, an dem man Rückschau halten möchte. Wie aber alle Erlebnisse bewahren für die nächste Generation? Wer versucht, seine Erfahrungen für die Nachwelt festzuhalten, steht häufig vor einem Problem: Sobald man seine Gedanken zu Papier bringen möchte, sind sie wie weggeblasen. Schreiben ist schwer.

Das Schreiben können Sie ruhig anderen überlassen. Sie können Ihre Geschichte doch einfach erzählen. Hier kann ich Sie unterstützen: Sie erzählen, ich schreibe auf. Auf diese Weise entsteht ein echtes Buch, in dem alle Stationen Ihres Lebens dargestellt werden. So bleiben Ihre Erinnerungen in ein nahezu unverwüstliches Medium verwahrt, und Sie werden mit Ihrer Geschichte »unsterblich«.

Menschliche Größe

Wie ein Unbekannter 1944 die Hoffnung nicht aufgab

Es ist nur ein kleiner, unscheinbarer Archivfund: ein einfacher Zettel, mit Schreibmaschine beschrieben. Aber er offenbart menschliche Größe – und lässt ein Schicksal erahnen, das vermutlich nur mit dieser einfachen Form ausgedrückt werden kann. Mit Datum vom 30. Juni 1944 steht da:


Übrigens: Wenn Sie diesen Text nicht am Bildschirm lesen wollen, rufen Sie ihn doch als PDF auf! Sie können ihn dann ausdrucken und da lesen, wo es für Sie am bequemsten ist.


»Sie würden mir einen grossen Gefallen erweisen, wenn Sie unter Verwendung anliegender Brotmarken an Frau Rosa Kahn, Litzmannstadt, Wolborska 36/41, eine entsprechende Brotmenge senden würden. Ihnen im voraus bestens dankend, begrüsse ich Sie, in diesem Falle ungenannt.«

Normalerweise gehen bei staatlichen Behörden und sonstigen Dienststellen ganz andere Schreiben ein. Da wird angeschwärzt und denunziert, aus Neid, Ordnungswahn und anderen Motiven. Für die Betroffenen hat das oft fatale Folgen, vor allem wenn man unter einer Diktatur leben muss. Wer hier — wegen welcher Sache auch immer — angezeigt wird, muss unter Umständen mit Haft, Folter, Deportation oder gar dem Tod rechnen.

Der Zettel wurde im letzten Jahr der Nazi-Diktatur geschrieben, also in einer Zeit, in der sich das Regime noch weiter radikalisierte. Die Lebensmittelversorgung war schlecht. Und dann so etwas: Da knapst sich jemand einen Teil seiner kostbaren Brotration ab, um sie einer Jüdin zukommen zu lassen, die in ein Ghetto im »Warthegau« deportiert worden ist. Das ist ein echtes Opfer, eine große, mitmenschliche Tat.

Die Empfängerin der Ration, Rosa Kahn, wurde 1903 in Regensburg geboren, lebte aber mit ihrem Mann Fritz in Hamburg. Der war ein international tätiger Kaufmann gewesen, wurde aber bis 1938 durch behördliche Schikanen und die rassistischen und antisemitischen Gesetze wirtschaftlich ruiniert. Rosa war als Näherin und kunstgewerblich tätig. Das Ehepaar wurde am 25. Oktober 1941 mit 1.032 anderen Hamburger Juden nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert.

Im November 1942 starb Fritz an »Wassersucht«, das heißt an den Folgen des Hungers. Rosa war da vermutlich schon tot: Sie wurde im Juni 1942 »zur Arbeit« nach Kulmhof deportiert, einem Vernichtungslager, in dem sie ermordet wurde.

Der anonyme Spender wusste das natürlich nicht, und insofern war sein Opfer »umsonst«. Und ob Rosa Kahn das Brot tatsächlich erhalten hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre, ist durchaus ungewiss. Aber darum geht es hier nicht. Der kleine Zettel ist ein Zeugnis dafür, dass es auch in schwierigen Zeiten Menschen gibt, die die Hoffnung nicht aufgeben und anderen helfen, denen es noch schlechter geht.

Quelle: Maria Koser/Sabine Brunotte: Stolpersteine in Hamburg-Eppendorf und Hamburg-Hoheluft-Ost. Eine biographische Spurensuche, Band 1, S. 224.